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Therapiemöglichkeiten bei Neurodermitis: Salbe und alpines Klima

Beeinflusst die Umwelt unsere Hautgesundheit?

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Portratitfoto des Artikel-Autors Robert Targan
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min.Lesezeit

Bei der Ermittlung der Ursachen für eine Neurodermitiserkrankung kommt ein Zusammenspiel gleich mehrerer Faktoren in Betracht. So sind es neben der erblichen Veranlagung vor allem Einflüsse unserer Umwelt, die das Immunsystem angreifen und so die Barrierefunktion der Haut stören. Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann ist Inhaberin des Lehrstuhls für Umweltmedizin an der Universität Augsburg. Im Gespräch mit PVS einblick verdeutlicht sie: Ob Pollen, Hitze oder Stress – sind die Trigger einmal identifiziert, lässt sich die chronische Hauterkrankung gut behandeln.

Bei einer Neurodermitiserkrankung sind verschiedene Faktoren zu betrachten: Inwiefern spielt der familiäre Hintergrund eine Rolle?

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann: Die Wahrscheinlichkeit, dass auch Kinder betroffener Eltern an einer Neurodermitis erkranken, ist extrem hoch. Untersuchungen haben gezeigt, dass dies vor allem bei einer Erkrankung der Mutter der Fall ist. Hier spielen Gene eine große Rolle, vor allem jene, die die Eiweiße codieren und die Hautbarriere aufbauen.

Auch das Erscheinungsbild einer Neurodermitis gestaltet sich sehr unterschiedlich: Lassen sich dennoch typische Symptome nennen?

Die Neurodermitis hat ein ganz charakteristisches Hautbild, auch hinsichtlich der verschiedenen Lebensabschnitte. Wir wissen, dass die Hautausschläge beim Säugling eher im Gesicht auftreten; bei Kleinkindern hingegen vermehrt am Bauch und in den Beugen. Im Erwachsenenalter finden sie sich dann hauptsächlich in den Beugen und am Nacken. Gerade bei kleinen Kindern kann sich die Neurodermitis zu einem echten Teufelskreis entwickeln, da sich der Zyklus aus Jucken, Kratzen und Entzündungen kaum unterbrechen lässt. Das ist mitunter dramatisch. Aus diesem Grunde sind entsprechende Schulungsmaßnahmen sehr wichtig, um diese Abfolge zu unterbrechen.

Äußerliches Einwirken kann einen Neurodermitisschub begünstigen. Kann etwa eine übertriebene Hygiene das Immunsystem fehlleiten?

Auch hierzu haben wir Untersuchungen angestellt. Es ist nicht zwangsläufig der Fall, dass das Immunsystem der Haut unter zu häufigem Waschen leidet. Wenn allerdings eine genetische Empfindlichkeit vorliegt, ist die Wahrscheinlichkeit umso höher, dass man der Haut Schaden zufügt. Patientinnen, die ihre Neurodermitis mit Make-up überdecken und somit kaschieren möchten, riskieren zudem eine Verschlimmerung der Krankheit. Bestimmte Substanzen in den Kosmetikartikeln können eine Kontaktallergie hervorrufen, was dann zu weiteren Problemen führt. Eine Neurodermitis wird stets durch bestimmte Einflüsse getriggert.

Tatsächlich leiden bis zu 40 % aller Betroffenen an einer allergischen Form der Erkrankung: Welche Stoffe und Umwelteinflüsse kommen hier infrage?

Ein wichtiger Punkt ist hier: Die Neurodermitis selbst ist keine Allergie, sondern eine Erkrankung aus dem atopischen Formenkreis. Es ist zwar richtig, dass viele Patienten zusätzlich an einer Allergie leiden. Wir gehen allerdings davon aus, dass die Neurodermitis bei diesem Zusammenspiel am Anfang steht. Ist also die Barrierefunktion der Haut gestört und kommt das Immunsystem dadurch mit Substanzen aus der Umwelt in Kontakt – mit Pollen etwa, oder verschiedenen Duftstoffen – kann eine Allergie entstehen.

Und diese gilt es zu erkennen …

Ja, bei der Behandlung einer Neurodermitis steht das Identifizieren solcher Triggerfaktoren immer im Vordergrund. Das kann auch ein Reizstoff in der Kleidung sein, Wolle zum Beispiel. Einige Patienten reagieren auch negativ auf UV-Licht, andere wiederum lassen sich durch Sonne therapieren. Das zeigt, wie unterschiedlich diese Krankheit auftritt. Es existiert nicht die eine Neurodermitis – vielmehr sehen wir viele Untergruppen. Genau diesen Punkt untersuchen wir mithilfe des sogenannten Neurodermitis-Registers, finanziert durch die Kühne-Stiftung, CK-CARE (siehe Infokasten, Anm. d. Red.). Hier handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, die uns hilft, Einflussfaktoren auf die Erkrankung zu ermitteln. Dabei geht es ebenso um negative Einflussfaktoren, wie um schützende, die jeweils von innen oder von außen wirken können.

Die Häufigkeit der Erkrankung ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen – ein Indikator dafür, dass Umweltverschmutzung und Klimawandel eine Rolle spielen?

Bekannt ist beispielsweise: Je näher ein Kind an einer stark befahrenen Straße lebt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es eine Neurodermitis entwickelt. Auch extrem niedrige oder hohe Temperaturen können auf die Erkrankung einwirken. Gerade in besonders heißen Sommermonaten verschlimmern sich die Ekzeme und Entzündungen. Mir kommt da eine Patientin in den Sinn, die mir sehr deutlich entgegnete: „Wenn Sie mir nicht geholfen hätten, wäre ich heute wohl nicht mehr da.” Solch suizidale Gedanken zeigen, wie hoch der Leidensdruck der Betroffenen mitunter ist. Glücklicherweise existieren heutzutage neue und revolutionäre Medikamente zur Behandlung und Therapie von Neurodermitis.

Lassen sich auch positive Umwelteinflüsse auf die Erkrankung ausmachen? Etwa durch einen Umgebungswechsel?

Ein ganzheitlicher Ansatz sowie die Verbindung von Körper und Geist spielen bei der Therapie eine zunehmend größere Rolle. Stress ist durchaus ein möglicher Trigger der Neurodermitis – was bis hin zu einer psychischen Erkrankung führen kann. Eine neue Umgebung wirkt da positiv auf den Geist ein: Hochalpines Klima setzt beispielsweise Erholungskräfte frei, fern von Reizen wie Hausstaub oder Pollen. Hierzu kollaboriert der Lehrstuhl für Umweltmedizin mit der Hochgebirgsklinik Davos und auch mit dem Heilbad Bad Hindelang. Der Idealfall ist eine nachhaltige medizinische Rehabilitation an Orten, die positiv auf die körperliche und psychische Gesundheit der Patienten einwirken. Das gilt natürlich nicht nur für Neurodermitiker.

Was zählt zur Basistherapie und wie steht es um die Vermeidung der genannten Reizstoffe?

Eine Neurodermitis ist bislang nicht heil-, aber immer häufiger sehr gut therapierbar. Das sage ich auch immer wieder meinen Patienten. Wir verfügen mittlerweile über sehr gute Werkzeuge zur Behandlung der Erkrankung. Neben Systemtherapeutika, also Spritzen und Tabletten, zählt da vor allem das regelmäßige Eincremen zu den wichtigsten Maßnahmen, um die Hautbarriere wieder zu stärken. Da braucht es aber immer auch viel Zeit und Geduld.

An der Universität Augsburg sind Sie Inhaberin des Lehrstuhls für Umweltmedizin – welche Schwerpunkte stehen da im Fokus?

In erster Linie forschen wir zur „Umwelt-Mensch”-Interaktion. Dazu zählt unter anderem, die Umwelt zu messen, zu quantifizieren und sie zu qualifizieren. Daher verfügen wir beispielsweise zur Untersuchung der Umgebungsluft über einen hochmodernen, vollautomatischen Pollenzähler auf dem Dach des Forschungslabors der Umweltmedizin. Dieser ermöglicht es uns, die Pollenkonzentration mit Symptomen von Patienten in Verbindung zu bringen. Hier kommt auch die Frage, inwiefern Hautgesundheit und Allergien vom Klimawandel beeinflusst werden, ins Spiel. Wir wissen, dass dieser für einen längeren und stärkeren Pollenflug sorgt und dass auch neue Pollenarten auftreten. Erst wenn wir diese Interaktion zwischen Umwelt und Mensch auf molekularer Ebene verstehen, können wir in einem nächsten Schritt Prävention schaffen.

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