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Phillip Laux im dunklen Anzug mit weißem Hemd, in der Hocke stehend auf Fußballrasen

„Denk- und Handlungsmuster sind veränderbar“

Foto: © Christian Kaufmann
Portratitfoto des Artikel-Autors Robert Targan
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min.Lesezeit

Sowohl für Führungskräfte im Spitzenfußball, als auch in der Wirtschaft stehen Erfolg, Ergebnisdruck und Performance Tag für Tag im Fokus. Als Teampsychologe und Unternehmenscoach kennt Philipp Laux (48) beide Welten. Der ehemalige Bundesligatorhüter weiß zudem, dass Top-Führung vor allem immer eins ist: individuell. In seinen Coachings und Vorträgen sowie im Zuge seiner Arbeit mit Fußballprofis und -trainern agiert der promovierte Diplom-Psychologe als Partner auf Augenhöhe, um gemeinsam eine erfolgreiche Teamkultur zu entwickeln.

Als aktiver Fußballer standen Sie u. a. bei Borussia Dortmund und dem SSV Ulm zwischen den Pfosten. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Philipp Laux: Beide Stationen waren intensiv, leidenschaftlich und von Erfolg geprägt. Mit dem SSV Ulm durfte ich als Kapitän und Torwart den Durchmarsch von der 3. Liga in die 1. Bundesliga feiern. Beim BVB war ich Teil des Teams, das 2002 ins Euroleague-Finale einzog und die Deutsche Meisterschaft gewann. Meine Rollen im Team in Ulm wie in Dortmund konnten unterschiedlicher nicht sein. In Ulm war ich Kapitän der Mannschaft, habe jedes Spiel von Beginn an gespielt und war auf und neben dem Platz ein stabiler Baustein unserer Mannschaft. In Dortmund musste ich mich hinter Jens Lehmann einordnen – ein gestandener Bundesliga- und auch Nationaltorhüter. Mit dieser Rolle habe ich mich Schritt für Schritt angefreundet und gleichzeitig Chancen erkannt: Welche meiner Stärken und Qualitäten kann ich in das Team einbringen, auch wenn ich sportlich nicht immer in der ersten Reihe stehe?

Zu welchem Schluss sind Sie da gekommen?

Jens Lehmann war zu dieser Zeit einen Tick besser als ich und die Nummer eins. Meine sportliche Motivation bestand darin, mich professionell so vorzubereiten, dass sich das Team auf mich verlassen kann, wenn ich gebraucht werde. Zudem habe ich es mir zum Ziel gesetzt, die Teamkultur zu fördern. So unterstützte ich z. B. Mannschaftskollegen, die weniger spielten oder verletzt waren. Die Erkenntnis war: Ich kann ein Team auch positiv beeinflussen, ohne Samstag für Samstag auf dem Platz zu stehen.

Ein Begriff, der heute fast regelmäßig in Interviews mit Fußballprofis und -trainern fällt, ist der Begriff der Mentalität. Was verstehen Sie darunter?

Fragt man dies jeweils einen Spieler, einen Trainer sowie einen Journalisten, erhält man wohl drei verschiedene Antworten. Ich denke, jeder versteht unter „Mentalität“ etwas anderes. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen – das Ursprungswort „mens“ lässt sich mit „den Geist betreffend“ übersetzen. Mentalität ist genau genommen eine Denkart. Auf den Sport bezogen: Wie denke, fühle und handle ich in Leistungs- und Stresssituationen? Ein sehr spannender Aspekt! Allerdings sind Denk- und Handlungsmuster durchaus veränderbar. Das ist die positive Nachricht.

In einer Fußballmannschaft kommen ganz unterschiedliche Charaktere zusammen …

… und im Idealfall tragen diese bereits unterschiedliche Denk- und Handlungsmuster in sich: „Ich liebe den Wettkampf! Ich will mich messen! Ich möchte beweisen, dass ich in bestimmten Situationen der Bessere bin!“ Meines Erachtens wird der Begriff der „Mentalität“ zu schnell verallgemeinert. Das wird dann einer Mannschaft oder einzelnen Spielern nicht gerecht. Erfolg, aber auch Misserfolg haben viele verschiedene Facetten, die es zu beachten gilt.

Seit über einem Jahr finden Bundesligaspiele – mit kurzer Unterbrechung – vor leeren Zuschauerrängen statt. Welche Auswirkungen hat dieser Umstand auf die Spieler?

Der Mensch besitzt die Fähigkeit, sich verhältnismäßig schnell an neue Situationen anzupassen und entsprechend mit Schwierigkeiten umzugehen. Mit Blick auf die Fußballbundesliga ist es mein Eindruck, dass die Spieler den Umstand, ohne Zuschauer zu spielen, akzeptiert haben. Jeder Akteur versteht zudem die Maßnahmen seitens der Politik. Ohne Frage wünschen sich jedoch alle Spieler, dass die Ränge bald wieder voll sind, sollte es die Infektionslage zulassen. Sie müssen wissen: Viele Profis spielen nicht nur für sich Fußball. Vielmehr sind sie wie der Bühnenschauspieler auf das Live-Publikum angewiesen. Sie lieben es, vor Zuschauern zu performen und ihre Leistung abzurufen.

Zumal dies auch motivierend wirkt.

Ja, denn Fußballer sind es von klein auf gewohnt, vor Publikum zu spielen und unmittelbares Feedback für ihre Aktionen zu erhalten – positiv wie negativ. Das ist auf den Nervenbahnen im Gehirn abgespeichert, und das bricht in der aktuellen Pandemiesituation komplett weg. Ja, die Spieler lernen, sich anzupassen und mit der Situation umzugehen, aber es ist doch völlig klar, dass ein ausverkauftes Fußballstadion mit bis zu 80.000 Zuschauerinnen und Zuschauern eben auch Energien freisetzen kann.

Neben der Tätigkeit als Teampsychologe arbeiten Sie auch als Businesscoach mit Führungskräften aus der Wirtschaft zusammen. Inwiefern ist die jeweilige Situation von Sport- und Wirtschaftsakteuren vergleichbar?

Wie auch Fußballprofis müssen Führungskräfte in der Wirtschaft mitunter in Situationen hineinwachsen, die sie zuvor nicht kannten. Während auf der einen Seite vielleicht die Premiere in der Bundesliga glückt, kann eine konsequente Entscheidung im Unternehmen als Erfolg gewertet werden. In beiden Fällen stellt sich Selbstvertrauen ein und die jeweilige Person macht die wichtige Erfahrung, dass sie über die geforderte Qualität verfügt. In beiden Bereichen – ob als Fußballprofi oder Führungskraft – ist es entscheidend, Selbstwirksamkeit aufzubauen, d.h. ich kenne meine Qualitäten und bin davon überzeugt, sie dann zeigen zu können, wenn es darauf ankommt.

Und bei Rückschlägen?

Da verhält es sich ähnlich, in Phasen etwa, in denen eine Mannschaft mehrere Niederlagen in Folge verarbeiten muss oder es im Unternehmen schwierige Situationen zu meistern gilt. Sind solche Herausforderungen überstanden, gibt das Aufwind. In Krisensituationen zeigt sich, wie stabil ein Team, ein Unternehmen wirklich ist. In der Psychologie spricht man von Resilienz, also den Aufbau von Widerstandskraft. Verbundenheit, Wohlbefinden, Zuversicht und Sinnhaftigkeit können dabei eine entscheidende Rolle spielen. Letztlich ist es stets eine freie Entscheidung, ob ich mich in solch einem speziellen Umfeld, in dem es immerzu um Performance geht, bewegen möchte. Sowohl im Sport, als auch in der Wirtschaft gibt es daher immer wieder Beispiele für Akteure, die sich sagen: „Bis hier hin, und nicht weiter. Ich strebe etwas anderes im Leben an.“ Solche Entscheidungen sind mit großem Respekt zu sehen.

Was kann der Manager vom Bundesliga­coach lernen?

Die Parallelen zwischen Profisport und Wirtschaft sind sehr vielfältig, wenn ich etwa an Themen wie „Führung“, „Teamentwicklung“ und „Erfolg“ denke. Auch in einem Unternehmen geht es darum, eine gute Teamkultur zu fördern, da bietet sich der Vergleich mit einer Profimannschaft an. In beiden Welten möchten heutzutage junge Teammitglieder sich eingebunden und wertgeschätzt fühlen. So wie der Fußballer eine Verbundenheit zum Trainer und zum Verein spüren möchte, sucht der Angestellte die Identifikation mit seinem Arbeitgeber. Spannend zu sehen ist der Wandel im Führungsverhalten per se: Trainer oder eben Vorgesetzte erhalten heute von den Teammitgliedern die Erlaubnis, sie verantwortungsvoll führen zu dürfen. Mit dieser Verantwortung gilt es sehr fürsorglich umzugehen.

Verantwortungsträger müssen immer wieder Entscheidungen im Alleingang treffen. Wie kann der Spagat zwischen Teamkultur und Individualität gelingen?

Wichtig ist: Ein Vorgesetzter kann es nicht allen recht machen. In meinen Vorträgen spreche ich gerne davon, dass Führungskräfte die Fähigkeit erwerben sollten, Dissonanzen, also Unstimmigkeiten, auszuhalten. Es werden immerzu Entscheidungen getroffen, Entscheidungen, mit denen man im Extremfall auch Menschen verletzen kann. Da schreien nicht immer alle „Hurra!“. Ähnlich ist es im Fußball: In einem Bundesligakader tummeln sich 25 bis 30 Profis – und elf dürfen starten. Ein Großteil der Mannschaft findet sich dann, wenig begeistert, auf der Bank oder gar auf der Tribüne wieder. Die Herausforderung für den Trainer ist es, dies auszuhalten und gleichzeitig nicht die Verbindung zu den Spielern zu verlieren. Ihnen zu vermitteln: „Ich bin weiterhin für Euch da und möchte weiter mit Euch daran arbeiten, dass Ihr besser werdet.“

Seit Monaten beeinflusst die Coronapandemie unser Privat- und Arbeitsleben. Inwiefern ist es möglich, selbst in solch einer nie dagewesenen Krisensituation neue, produktive Potenziale aufzudecken?

Wir alle müssen uns fragen, wie damit umzugehen ist. Viele Menschen befinden sich in Kurzarbeit oder bangen gar um ihre Anstellung, die Kinderbetreuung kommt hinzu, vielleicht müssen Kredite bedient werden – eine große Überforderung. Dass es sich bei all dem um keine selbst verschuldete Situation handelt, kann eine große Hilflosigkeit auslösen. Da fällt es schwer, überhaupt positive Aspekte zu sehen. In jeder Krise steckt aber auch eine Chance. Vielleicht blicken wir in ein paar Jahren auf diese Corona-Zeit zurück und sagen uns: „Damals habe ich erkannt, dass ich mich auf meine Partnerin oder meinen Partner verlassen kann“ oder „Selbst in dieser Krisenzeit hat mein Arbeitgeber zu mir gehalten.“ Dies ist allerdings lediglich in der Rückschau möglich, aktuell bleibt uns leider nur die radikale Akzeptanz der Situation.

Wie man gestärkt aus einer Krise hervorgehen kann, haben Sie selbst bewiesen: Mit 30 Jahren mussten Sie Ihre Karriere verletzungsbedingt beenden, es folgten ein Studium der Psychologie sowie der Doktortitel der Humanwissenschaft.

Das war weniger geplant, als es klingt (lacht). Ich musste meine Karriere aufgrund einer Knieverletzung in der Tat vom einen auf den anderen Tag beenden. Brutal, denn ich war mit Leib und Seele Fußballer. Da ich mich schon während der aktiven Zeit mit Mentaltechniken befasst hatte, war allerdings das Interesse für ein Psychologiestudium geweckt. Die erste bestandene Klausur stellte einen Schlüsselmoment dar, der mich zum Weitermachen motivierte. Hätte mir jemand vor 25 Jahren erzählt, dass ich eines Tages sogar promovieren sollte, hätte ich diese Person für verrückt erklärt. Neben den genannten Schlüsselmomenten gehört aber auch immer ein Quäntchen Glück dazu.

philipp-laux.de

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Ausgabe: 02/2021

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