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Die Zukunft als Handlungsraum verstehen

Die Zukunft als Handlungsraum verstehen

Foto: ChrisTefme (stock.adobe.com)
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min. Lesezeit

Wer die Zukunft aktiv mitgestalten möchte, muss wissen, wie sie entsteht: Am Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt am Main gehen Expertinnen und Experten der Frage nach, was es heute braucht, um die Gesellschaft von morgen zu prägen. Im Fokus dieser Arbeit stehen dabei vor allem sogenannte Megatrends, die auf allen Ebenen unserer Bevölkerung wirken und so Unternehmen, Institutionen und Individuen beeinflussen. Im Gespräch mit PVS einblick zeichnet Instituts-CEO Harry Gatterer (Foto) die Entstehung dieser „Blockbuster des Wandels” nach und erklärt auch, welche Veränderungen der Megatrend Gesundheit bereithält.  

Gerade in herausfordernden Zeiten fällt es manch einem schwer, optimistisch nach vorn zu schauen. Wie kann es da gelingen, die Zukunft als Raum für Gestaltung zu erkennen?

Harry Gatterer: Da spielt die Perspektive eine entscheidende Rolle: Menschen, die beispielsweise eine Führungsaufgabe besitzen, müssen sich mit der Zukunft beschäftigen. Da gilt es Entscheidungen zu treffen und zu ermöglichen – und jede dieser Entscheidungen bezieht sich auf eine Zukunft. Es ist also absolut sinnvoll, sich in einem professionellen Umfeld konstruktiv und gestaltend mit künftigen Fragestellungen zu beschäftigen, und dabei bestmöglich jegliche Emotionalität außen vor zu lassen. Anders ist es im privaten Bereich: Natürlich kann uns da die Zukunft überfordern. Da muss man sich nur vor Augen halten, wie viele unterschiedliche Entwicklungen sich aktuell gleichzeitig ereignen. Informationen, die wir bruchstückhaft über Zeitungen, TV oder Social Media aufnehmen. Da ist es durchaus nachvollziehbar, dass ein großer Teil der Bevölkerung gegenwärtig nicht unbedingt Aufbruchstimmung verspürt.          

Kann diese Informationsflut dazu führen, dass das Vertrauen in die Nachrichten schwindet und sich manch einer sogar gegen Veränderungen und Zukünftiges sperrt?

Zukunft ist erst einmal nichts anderes als die Beschreibung einer gewissen Zeiteinordnung. Auf einer Zeitachse bildet sie etwas ab, das noch vor uns liegt, weshalb es unsere Vorstellungskraft benötigt, um innere Bilder und Imaginationen zu entwerfen. Dies kann nur gelingen, wenn wir zu diesen Vorstellungen entsprechende Emotionen aufbauen – so ticken wir Menschen. Die erwähnte Flut an Neuigkeiten und Bildern triggert unsere Fähigkeit, sich vorzustellen, was noch nicht ist. Das menschliche Gehirn schafft es nicht, die vielen Nachrichten zu sortieren und die Muster hinter all den Informationen zu erkennen. Daher unterscheide ich auch zwischen der beruflichen und privaten Auseinandersetzung mit der Zukunft. Beim Checken des Newsfeeds auf dem Smartphone würde ich empfehlen: Lieber nicht zu viel, als zu viel Sorgen machen.

Der Wandel unserer Welt beruht auf Strömungen und Veränderungen, die mal allmählich, und mal ganz plötzlich auftreten. Was genau ist unter Trends zu verstehen und wie entstehen diese?

Bei der Beobachtung von Trends sind verschiedene Ebenen auszumachen: Auf der größten finden wir die sogenannten Megatrends. Diese sind für uns alle im Alltag auf die ein oder andere Weise spürbar, aber auch nicht unmittelbar. Megatrends wie Gesundheit, Mobilität oder Globalisierung durchfluten alles, was uns umgibt, und wir nehmen sie auch auf ganz unterschiedliche Art und Weise wahr. Aber eben nicht so tiefgehend. Anders ist es bei Innovationen und Hypes, die sich temporär zu einer bestimmten Zeit durchsetzen. Social Media-Angebote wie TikTok adaptieren das seit mehreren Jahren erfolgreich. Aber wer spricht heute beispielsweise noch von der Audio-Plattform Clubhouse, die im Frühjahr 2020 ins Leben gerufen wurde und es ihren Nutzerinnen und Nutzern ermöglichte, in digitalen „Räumen“ live miteinander zu diskutieren? Solche Trends und Entwicklungen lassen sich nicht 1:1 prognostizieren.  

Und wie sieht es im Gesundheitsbereich aus?

Da sind natürlich Trends wie Healthtracking, Smartwatches und Fitness-Apps zu nennen, die das Grundbedürfnis nach Selbstoptimierung stillen. Am Zukunftsinstitut sprechen wie hier vom Megatrend Identitätsdynamik: Da geht es um Rollenbilder und auch die Suche nach Halt. Datenbasierte Informationen über die eigene Gesundheit können dies leisten. Technologien wie smarte Watches, Ringe und andere einfach zu bedienende Gadgets nehmen im Alltag vieler Menschen eine immer größere Rolle ein. Da gibt es in Kalifornien eine gewisse Firma mit Apfel-Logo, die periodisch ein Gespür dafür entwickelt, in welche Richtung sich der Zeitgeist bewegt. (lacht) 

 


Über das Zukunftsinstitut

Seit der Gründung im Jahr 1998 prägt das Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt am Main hierzulande die Trend- und Zukunftsforschung sowie das öffentliche Denken über Zukunft. Es bietet Orientierung bei Fragen zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen und führt als renommierter Partner für Organisationen exklusive Trendanalysen und Forschungsergebnisse in konkrete Maßnahmen, umfassende Konzepte und effektive Strategien. Das Zukunftsinstitut arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich mit seinem Modell der Megatrends, beschreibt es regelmäßig in seiner umfassenden Megatrend-Dokumentation und bildet neue Strömungen immer wieder auf seiner Megatrend-Map ab. So sollen globale Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft greifbar gemacht werden.


 

Megatrends werden am Zukunftsinstitut auch als „Blockbuster des Wandels” oder „Lawinen in Zeitlupe” bezeichnet. Wie können diese in unserer komplexen Welt entstehen und welche Faktoren müssen dabei zusammenspielen?

Voraussetzung ist, dass eine Systemgrenze überschritten wird. Ein Beispiel: Der Megatrend Konnektivität vernetzt durch digitale Infrastrukturen Menschen, Maschinen und Organisationen. Er beeinflusst gleich mehrere Bereiche der Gesellschaft – nicht nur die Wirtschaft, nicht nur die Politik und auch nicht nur das Privatleben. Wir sprechen also von einem Megatrend, wenn bestimmte Entwicklungen in gleich mehreren solcher Subsysteme stattfinden. Es ist davon auszugehen, dass dieser vielfältige Impact dann für eine langfristige Bewegung sorgt: Für uns am Zukunftsinstitut ist das der entscheidende Unterschied zwischen Trends und Megatrends. Die bereits erwähnte Selbstoptimierung durch Healthracking allein ist also noch kein Treiber unserer Gesellschaft – der Megatrend Gesundheit, der dahinter steckt, jedoch durchaus.      

Wo erkennen Sie aktuell den markantesten Wandel?

Es existieren in der Tat bestimmte Megatrends, die derzeit mehr Veränderungskraft aufweisen, als andere. Das gilt auf jeden Fall für den Aspekt Sicherheit: Es ist zu bemerken, dass sich auch die Zivilgesellschaft zusehends „rüstet” und mit Sicherheitsfragen beschäftigt. Wir nennen das „Guardification”. Das reicht von der Frage, wie sicher die Fenster im heimischen Wohnzimmer sind, bis hin zum Schutz vor Cyberattacken. Sicherheit besitzt ein treibendes Momentum. Der demografische Wandel zählt ebenso zu den Megatrends mit einer hohen Spannung. Er verändert unsere Gesellschaft merkbar, was sich aber nicht nur in Altersheimen oder Pflegeeinrichtungen zeigen wird, sondern beispielsweise auch im Stadtleben, in der Arbeitswelt, im Berufsverkehr oder anhand bestimmter Produkte im Supermarktregal.      

Welche Rolle wird der Megatrend Gesundheit in den kommenden Jahrzehnten für uns spielen?

In unserer Gesellschaft hat sich mehr und mehr ein „holistisches Gesundheitsbewusstsein” entwickelt: Mittels verschiedener Daten erhalten wir Informationen über uns und können anhand dieser Auskünfte versuchen, uns selbst in eine bestimmte Richtung zu steuern, zu optimieren und zu hinterfragen. Das macht die Industrie mittlerweile sehr clever, indem sie wesentliche Performance-Indikatoren stark bündelt. Denken Sie nur an das Beispiel gesunder Schlaf: Morgens nach dem Aufwachen verrät uns heutzutage das Smartphone anhand verschiedener Werte, ob wir eine geruhsame Nacht hatten oder nicht.

Einer der zehn wesentlichen Gesundheitstrends, die das Zukunftsinstitut im Rahmen einer Megatrendstudie identifiziert hat, rückt die Mental Health Awareness in den Fokus …

… und das Thema hat riesige Dimensionen angenommen! Es ist ein Bewusstsein für mentale Gesundheit in der Bevölkerung entstanden, ein natürlicher Zugang zu Fragen des psychischen Wohlbefindens. Noch vor 20 Jahren galt es für nicht wenige Menschen als ein Zeichen von Schwäche, wenn ein Therapeut oder Coach aufgesucht wurde. Heute ist es ein Zeichen von Schwäche, wenn man es nicht tut. Der erwähnte holistische Gedanke bezieht zudem immer mehr das Umfeld bei Gesundheitsfragen mit ein – soziale Beziehungen etwa, oder die Gestaltung von Räumen. Der Begriff „Healing Architecture” bezeichnet einen Ansatz in der Architektur, mit dem das körperliche und seelische Wohlbefinden von Patienten, Personal und Angehörigen gestärkt werden soll. Der Gedanke dahinter stammt ursprünglich aus dem professionellen Klinikumfeld und nimmt bei der Entwicklung von Materialien, Bauweisen und ganzen Wohnquartieren nun immer mehr an Fahrt auf.  

Was lässt Sie in anspruchsvollen Zeiten mit Zuversicht in die Zukunft blicken?

Natürlich werden die Zeiten an Herausforderungen nicht ärmer. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir in Europa eine ganz besondere Situation haben: Aktuell lösen wir Probleme – wie etwa den erwähnten demografischen Wandel –, mit denen sich irgendwann auch die Menschen in allen anderen Regionen auf der Welt auseinandersetzen müssen. Wir sollten immerzu daran denken, dass wir in einem Teil der Welt leben, der in der Historie wahnsinnig viel Spannendes hervorgebracht hat. Wenn wir uns an diese Größe und Stärke erinnern, lassen sich auch die derzeitigen Aufgaben meistern. Natürlich benötigt es beim Umgang mit dieser Komplexität Geduld. Ich bin aber absolut zuversichtlich: Solange wir uns immer wieder vergegenwärtigen, dass wir uns im Driver’s Seat der Zukunftsgestaltung befinden, kann jeder Tag interessant und spannend sein – auch dann, wenn er nicht den gewünschten Routinen entspricht. Letztlich steht doch über all dem die Frage: „Welche Zukunft möchte ich mit den Menschen erleben, die mir am wichtigsten sind und die mich umgeben?”

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