Die Gesundheitsversorgung von morgen hat längst begonnen: In Kliniken und Arztpraxen befinden sich KI-gestützte Diagnosen und Auswertungen auf dem Vormarsch, Roboterassistenten kommen im OP zum Einsatz und auf dem heimischen Sofa nutzen Patientinnen und Patienten Chatbots, um Antworten auf ihre Gesundheitsfragen zu erhalten. Doch wie steht es bei all den Fortschritten durch Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz um fundierte Erfahrungswerte, die Datensicherheit und das Vertrauen in die Technik? Eine Bestandsaufnahme.
Mit zunehmender Geschwindigkeit und fortlaufend neuen Lösungen erhält Künstliche Intelligenz Einzug im Gesundheitswesen. So ermöglicht sie in immer mehr Bereichen eine präzisere Diagnostik, effizientere Praxisabläufe und individualisierte Präventionsmaßnahmen. Besonders dort, wo Medizinerinnen und Mediziner mit vielen Daten arbeiten – etwa in der Bildgebung, der Mustererkennung oder der Verarbeitung medizinischer Sprache – wächst die Rolle von KI merklich. Gleiches gilt für das Teilgebiet der Radiologie: Dort lassen sich dank neuer Technologien beispielsweise Auffälligkeiten auf CT- und MRT-Bildern leichter erkennen. In den Praxen wiederum unterstützen vermehrt Sprach- und Textverarbeitungsmodelle das Personal, indem sie Patientengespräche transkribieren oder automatisch Arztbriefe erstellen. Auch bei der Terminabwicklung und dem Ausfüllen von Formularen sorgt Künstliche Intelligenz hier für Entlastung. Ein umfassender Innovationsschub ist somit nicht von der Hand zu weisen.
KI-Chatbots beantworten Fragen zur Gesundheit
Doch wie schätzen Patientinnen und Patienten diese Entwicklung ein? Wie äußert sich die Befürwortung von Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung, wenn es um das eigene Wohlbefinden geht? „Die Mehrheit der Deutschen steht dem Einsatz von KI im Gesundheitswesen offen gegenüber und nutzt KI aktiv“, sagt Christina Raab, Vizepräsidentin des Bitkom. Eine aktuelle Umfrage des Digitalverbands zeigt, das KI hierzulande längst zum Alltag vieler Menschen zählt. „Vertrauen und Transparenz sind dabei entscheidend”, so Raab weiter. „Die Menschen müssen nachvollziehen können, wie die KI zu ihren Empfehlungen kommt, um sie verantwortungsvoll einzusetzen.“ So stufen laut der Bitkom-Erhebung bereits 71 Prozent der Deutschen den Einsatz von KI im Gesundheitswesen insgesamt als „positiv” ein – 27 Prozent „sehr positiv“ und 44 Prozent „eher positiv“. Immer mehr Bürgerinnen und Bürger greifen demnach auch selbst auf KI-gestützte Anwendungen zurück, um persönliche gesundheitliche Aspekte zu beleuchten. Laut Bitkom wenden sich bis zu 45 Prozent der Befragten an Chatbots, um bestimmte Symptome zu klären oder generelle Fragen zum Thema Gesundheit zu stellen. Jeder und jede Zehnte tut dies bereits häufig, 17 Prozent manchmal und 18 Prozent noch selten. Zu nennen wären hier Tools wie Ada Health und Gemini oder neue Funktionen in ChatGPT Health.
Die repräsentative Befragung (unter 1.145 Personen in Deutschland ab 16 Jahren) konnte zudem aufzeigen, dass mehr als die Hälfte der Nutzerinnen und Nutzer den Antworten von KI-Chatbots in gesundheitlichen Fragen vertraut (55 Prozent). Für ein gutes Drittel (30 Prozent) sind diese Chatbots ähnlich wertvoll wie die Zweitmeinung einer Ärztin oder eines Arztes, jedoch sind sich 39 Prozent nicht sicher, wie viele Angaben über ihren Gesundheitszustand sie KI-Chatbots anvertrauen sollen. Insgesamt erkennen die Autorinnen und Autoren des Meinungstests mit Blick auf die Innovationen eine hohe Zustimmung, halten doch 81 Prozent das deutsche Gesundheitssystem ohne Digitalisierung für nicht zukunftsfähig – eher fehle es hier an deutlich mehr Tempo.
Verlust menschlicher Empathie?
Ein Großteil der Patientinnen und Patienten sieht demnach in KI-Technologien eine praktische Unterstützung bei wichtigen medizinischen Entscheidungen, Zweitmeinungen sowie dem Erhalt von Therapieempfehlungen. Ebenso stufen viele der Befragten die Früherkennung von Krankheiten wie Krebs (64 Prozent) und die Analyse von Röntgen- oder CT-Bildern (59 Prozent) als nützlich ein. Doch auch Bedenken sind der Bitkom-Erhebung rund um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Medizin zu entnehmen: Da kommen etwa Sorgen vor einem eventuellen Datenmissbrauch zum Tragen (71 Prozent); auch der Verlust ärztlicher Empathie in der Behandlung wird häufig genannt (69 Prozent). Mögliche Fehlentscheidungen durch Künstliche Intelligenz geben 56 Prozent der Befragten als Befürchtung an; wiederum 21 Prozent sind sich nicht sicher, ob Entscheidungen der KI für Patientinnen und Patienten jederzeit nachvollziehbar sind.
„Künstliche Intelligenz bietet riesige Chancen für Diagnose, Therapie und Organisation im Gesundheitswesen”, hält Christina Raab fest. „Gleichzeitig sorgen sich viele Menschen um den Schutz ihrer Daten und einen Verlust an menschlicher Zuwendung. Damit sich diese Potenziale entfalten können, müssen Patientendaten bestmöglich geschützt werden.” Nur dann könne KI laut Raab Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte so unterstützen, dass sie mehr Zeit für ihre Patientinnen und Patienten haben.
KI-Agenten für den Routinebetrieb erforschen
Wie prägend der Einsatz von KI für die Gesundheitsversorgung in Zukunft sein wird, weiß man auch an der Berliner Charité: Die dortige Universitätsmedizin führt seit Ende 2025 die Aktivitäten Prävention, Screening, Diagnose und Therapie sowie Nachsorge in einem neu gegründeten Institut zusammen – dem Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin (IKIM). Ziel ist es, KI‑Lösungen verlässlich in die Versorgung zu bringen, ihren Nutzen evidenzbasiert nachzuweisen und im Klinikalltag zu verankern. Prof. Alexander Meyer, Facharzt für Herzchirurgie mit der Zusatzbezeichnung Medizininformatik am Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC), leitet das IKIM und übernimmt zudem die neu geschaffene Professur für KI in der Medizin. „In den letzten Jahren haben wir gesehen, welche Herausforderungen KI-Projekte an der Schnittstelle zwischen Forschung, Klinik und Krankenhausbetrieb mit sich bringen”, stellt der Mediziner die Bedeutsamkeit des neuen Instituts heraus. „Sie kommen oft nicht an ihr Ziel – und das nicht wegen schlechter Algorithmen, sondern wegen fehlender Strukturen, fehlender Evidenz und fehlendem Vertrauen.“
Das Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin sei Prof. Alexander Meyer zufolge die Antwort auf genau diese Problematik: Man bringe Datenwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler direkt in die Kliniken, um KI-Agenten für den Routinebetrieb zu erforschen und zu entwickeln. Eine systematische Evidenzbasis für medizinische KI werde somit nicht nur im Labor aufgebaut, sondern in der echten klinischen Umgebung. Der Facharzt erklärt: „Unser Ziel ist eine messbar bessere Versorgung – das bedeutet auch produktionsreife Systeme, die das Krankenhauspersonal entlasten und Patientinnen und Patienten helfen.“ Für die systematische Vernetzung von Informatik mit Medizin und Grundlagenwissenschaften setzt das neu gegründete Institut auf die bereits bestehende Zusammenarbeit mit dem Berlin Institute for the Foundations of Learning and Data (BIFOLD). Nach der gemeinsamen Entwicklung neuer KI-Methoden sollen diese für medizinische Fragestellungen angepasst und anschließend in die klinische Praxis gebracht werden.
Automatisierung zeitaufwendiger Prozesse
Neben der Erforschung, Entwicklung und Einführung neuer KI-Anwendungen in den Kliniken stehen am IKIM künftig auch Transfer und Lehre auf dem Programm: Forschende und Kliniken sollen bei KI-Projekten auf diese Weise Unterstützung erhalten. Darüberhinaus gibt das Institut Impulse für neue Curricula und Weiterbildungen, um KI-Kompetenzen fest in der medizinischen Aus- und Weiterbildung sowie in der betrieblichen Fortbildung zu verankern. All diese Trends zeigen: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden in Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen, da sie dabei helfen, medizinische Daten heranzuziehen, Muster zu erkennen und Diagnosen zu erstellen. KI-gestützte Techniken analysieren Röntgenbilder, MRT-Aufnahmen und CT-Scans und unterstützen bei der Krebsdiagnose, indem sie Gewebeproben untersuchen oder genomische Daten auswerten. Gleichzeitig sorgen die Innovationen für Zeitersparnis und Effizienz, da die Automatisierung zeitaufwendiger Prozesse eine schnellere Diagnose ermöglicht. Dies kann etwa bei Schlaganfällen oder in Notfällen von entscheidender Bedeutung sein.
Für Patientinnen und Patienten wiederum fungieren Tools, die auf KI basieren, als „zweite Meinung“ oder Assistenzsystem, um Symptome zu analysieren, Diagnosen zu verstehen oder Behandlungsvorschläge zu überprüfen. Dass solch schnelle Zugriffe auf Informationen nicht die Ärztin oder den Arzt ersetzen, ist dabei ein wichtiger Einwand, den es bei all den Chancen von Künstlicher Intelligenz zu beachten gilt. Neben den erwähnten Bedenken rund um die Datensicherheit und das fehlende menschliche Verständnis für den gesundheitlichen Gesamtkontext zieht Christina Raab vom Bitkom folgendes Fazit: „Die Digitalisierung im Gesundheitswesen kann nur dann zum Erfolg werden, wenn KI innovationsfreundlich gefördert, Vertrauen und Transparenz geschaffen und der Zugang zu digitalen Gesundheitsdiensten deutlich vereinfacht wird. Wenn Deutschland diese Voraussetzungen schafft, wird unser Gesundheitssystem effizient, patientenorientiert und zukunftsfähig.“