Nicht nur Erwachsene fragen sich in Zeiten vielfacher Herausforderungen, was die Zukunft für sie bereithält. Auch Kinder und Jugendliche nehmen verstärkt Notiz von aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen und blicken mit Sorge nach vorn. Inwiefern dadurch ihre psychische Gesundheit leidet, hängt auch von familiären Bindungen und erlernten Bewältigungsstrategien ab. Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat ermittelt, wie es um die derzeitige Lebensqualität junger Menschen steht und welche Zukunftsbilder sie entwerfen.
Wie soll es nach der Schule weitergehen? Was bedeutet die Klimakrise für mich und meine Familie? Können auch in meinem Land Kriege stattfinden? Zukunftsfragen und -sorgen von Kindern und Jugendlichen berühren sämtliche Bereiche ihres Lebens. Besonders im Zuge von COVID-19 wurde deutlich, welche Folgen bestimmte Ausnahmesituationen für die seelische Gesundheit junger Menschen haben können. Seit Mai 2020 untersuchen Forschende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) die Auswirkungen der Pandemie und anderer globaler Krisen auf das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen. Das langfristige Gesundheitsmonitoring namens COPSY (Child Outcomes in PSYchology) erreichte im Oktober 2025 die bereits achte Befragungswelle, an der insgesamt 1.607 Familien teilnahmen. Eine Erkenntnis der Erhebung ist, dass aktuelle gesellschaftliche Debatten bei Kindern und Jugendlichen eine große Rolle spielen. Neben Ängsten vor Krieg und Terrorismus macht sich die junge Generation zudem Sorgen um die Spaltung der Gesellschaft und das Thema Zuwanderung.
„Unsere COPSY-Studie zeigt immer noch eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu den präpandemischen Daten”, berichtet die Psychologin Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der Studie am UKE. Die gute Nachricht: Nicht jedes Kind mit psychischen Belastungen muss auch behandelt werden – viele junge Menschen entwickeln starke Bewältigungsstrategien und verfügen über persönliche Ressourcen. „Diese Stärken müssen wir gezielt fördern, idealerweise schon in der Schule, um ihre mentale Gesundheit nachhaltig zu stärken“, so Ulrike Ravens-Sieberer weiter, die auch die Forschungssektion Child Public Health der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des UKE leitet.
Ein intaktes soziales Umfeld schützt
Wenn sich bereits Kinder und Jugendliche in einem gewissen „Krisenmodus” wiederfinden, sie Stress ausgesetzt sind und mit angstbesetzten Gefühlen in die Zukunft blicken, sind Eltern und Lehrkräfte gefragt: Wie leben die Erwachsenen den Umgang mit Problemen und Herausforderungen vor? Vermitteln sie dem Nachwuchs das Gefühl, selbst etwas bewirken und gestalten zu können? Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf kommt man zu dem Schluss, dass ein intaktes soziales Umfeld vor psychischen Beeinträchtigungen schützt: So zeigen Kinder, die Selbstwirksamkeit erfahren, in stabilen sozialen Verhältnissen leben und von unterstützenden familiären Strukturen profitieren, in der Regel eine robustere psychische Gesundheit. Auch würden sie seltener von Angst- oder Depressionssymptomen berichten. Das Gegenteil ist der Fall, wenn Kinder in bildungsfernen Haushalten aufwachsen, unter engen Wohnbedingungen leben und die Eltern psychisch belastet sind. „Unsere Daten zeigen, dass diese Kinder häufiger Ängste, depressive Symptome und eine geringere Lebensqualität haben”, sagt Prof. Ravens-Sieberer. „Für diese Kinder und Familien braucht es niedrigschwellige Angebote in Schulen und im sozialen Umfeld, um diesen sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten zu begegnen.“
Die Zahlen der COPSY-Studie unterstreichen diese Forderung: Zu Beginn der Pandemie im Jahr 2020 hatte sich die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen im Vergleich zu präpandemischen Daten (ermittelt durch die BELLA-Studie im Zeitraum von 2014 bis 2017) deutlich verschlechtert. In den Jahren 2022 und 2023 verbesserten sich die Werte leicht – nun stagnieren sie auf einem stabilen Niveau. So geben laut UKE weiterhin 22 Prozent der jungen Menschen eine geminderte Lebensqualität an. Als typische psychische Symptome bei Zukunftsängsten sind Gefühle von Nervosität und Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen und eine erhöhte Reizbarkeit zu nennen. Hinsichtlich der körperlichen Gesundheit können zudem Muskelverspannungen, Magen-Darm-Probleme oder ein Zittern und Beben in besonders stressigen Situationen auftreten. Am Hamburger UKE wurde nun erstmals auch der Verlauf von Einsamkeit ausgewertet. Hier ist das Ergebnis ähnlich wie bei der Lebensqualität: Fühlten sich während der Pandemie rund 39 Prozent der Kinder und Jugendlichen einsam, sind es aktuell noch 18 Prozent. Damit ist auch in diesem Bereich das präpandemische Niveau von 14 Prozent noch nicht wieder erreicht.
Risiko für psychische Auffälligkeiten
Während die Einschnitte aus der Corona-Zeit für junge Menschen heute kaum noch eine Rolle spielen, haben hingegen aktuelle gesellschaftliche Ereignisse und Krisen einen spürbaren Einfluss auf das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen. Im Rahmen der COPSY-Studie gaben die jungen Teilnehmenden an, dass sie Entwicklungen wie Krieg (70 Prozent), Terrorismus (62 Prozent), wirtschaftliche Unsicherheit (57 Prozent) und die Klimakrise (49 Prozent) als belastend empfinden. Zum ersten Mal wurden auch Fragen nach gesellschaftlicher Uneinigkeit und migrationspolitischen Herausforderungen erhoben: 56 Prozent der Befragten sorgen sich demnach um eine Spaltung der Gesellschaft, 51 Prozent aufgrund von Zuwanderung.
Dr. Anne Kaman, Stellvertretende Leiterin der Forschungssektion Child Public Health der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des UKE, ordnet die Werte wie folgt ein: „Diese globalen Sorgen und gesellschaftlichen Diskussionen führen bei vielen jungen Menschen zu mehr Ängsten und Belastungen. Kinder und Jugendliche, die unter krisenbezogenen Zukunftsängsten leiden, haben ein 3,4 mal höheres Risiko für psychische Auffälligkeiten, Ängste, depressive Symptome und Einsamkeit.” Die Erstautorin der Studie vermutet, dass auch ungefilterte oder belastende Social Media-Inhalte diese Entwicklung verstärken: „Kinder und Jugendliche brauchen eine gute Medienkompetenz, um Inhalte einzuordnen und ihre Nutzung regulieren zu können.“
Zukunftsängste und KI?
Neben den sozialen Medien spielt für die junge Generation auch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz in Schule und Freizeit eine wachsende Rolle. So konnten die Forschenden am UKE feststellen, dass KI bereits fest im Alltag von Kindern und Jugendlichen verankert ist. Entsprechende Anwendungen kommen am häufigsten zur Unterstützung beim Lernen für die Schule und bei den Hausaufgaben zum Einsatz (77 Prozent). Dabei verstehen sie Künstliche Intelligenz aber nicht nur als Arbeitsmittel, sondern auch als Spiel- und Kreativwerkzeug: Weitere Gründe zur Nutzung lauten daher Spaß (66 Prozent), Neugier (56 Prozent) sowie das Erstellen von Bildern und Videos (26 Prozent).
Mit Blick auf Zukunftssorgen und andere Ängste spielt der Einsatz von KI derweil nur eine untergeordnete Rolle. Dr. Anne Kaman: „Wir haben mit Erleichterung festgestellt, dass nur ein sehr kleiner Teil von sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen KI nutzt, um über persönliche Sorgen zu sprechen. Das deutet darauf hin, dass KI bisher nicht als emotionaler oder sozialer Ansprechpartner angesehen wird.“ Bedeutend wertvoller und erfolgsversprechender: das Pflegen familiärer Bindungen, Fördern individueller Stärken und Führen vertrauensvoller Gespräche zwischen Groß und Klein.
Über die Studie
In der COPSY-Studie untersuchen die UKE-Forschenden die Auswirkungen und Folgen der Corona-Pandemie und globaler Krisen auf die seelische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Es ist das einzige langfristige Gesundheitsmonitoring in Deutschland, das sich mit der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen befasst. Insgesamt haben 3.312 Familien mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 bis 23 Jahren an mindestens einer Befragungswelle der COPSY-Studie von Mai 2020 bis Oktober 2025 teilgenommen, an der achten Befragungswelle nahmen 1.607 Familien teil. Die 11- bis 23-Jährigen füllten ihre Online-Fragebögen selbst aus. Für die 7- bis 10-Jährigen antworteten die Eltern. Die Mehrheit der Eltern hatte einen mittleren Bildungsabschluss. Etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen hatte einen Migrationshintergrund und ein Fünftel der Eltern war alleinerziehend.