Wie lässt sich hierzulande eine Verbesserung der Gesundheits- und Krankenversorgung erreichen? Der gemeinnützige Verein Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e.V. (DNVF) bringt zur Lösung dieser Frage Institutionen, Arbeitsgruppen und Wissenschaftler:innen zusammen, um neue Denkansätze zu diskutieren und die Zukunftskompetenz für ein stabiles Gesundheitssystem zu fördern. Im Interview nennt Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann (Foto), Vorsitzender des DNVF, die größten Herausforderungen in der Versorgung und erläutert, weshalb das deutsche Gesundheitssystem innovationsfreudiger werden muss.
Das DNVF bringt Akteure aus Wissenschaft, Praxis und Gesundheitspolitik zusammen. Welche grundlegenden Ziele verfolgt der gemeinnützige Verein dabei?
Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann: Das Deutsche Netzwerk Versorgungsforschung versteht sich als interdisziplinäres und interprofessionelles Netzwerk aus Fachgesellschaften, Institutionen und Expert:innen, die gemeinsam die Gesundheits- und Krankenversorgung wissenschaftlich erforschen, wobei wir ein besonderes Augenmerk auf die Alltagsperspektive von Patient:innen und Versorger:innen legen. Unser Ziel ist es, durch fundierte Forschung die Basis für evidenzbasierte Entscheidungen im Gesundheitswesen zu schaffen und den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis zu verbessern. Letztlich geht es darum, die Versorgung der Bevölkerung spürbar zu verbessern. Dabei setzen wir uns intensiv für die methodische Weiterentwicklung unseres Fachbereichs sowie die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ein. Über unseren jährlichen „Deutschen Kongress für Versorgungsforschung” und andere Formate fördern wir den aktiven Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis.
Die zukunftsorientierte Arbeit des DNVF legt den Fokus auf eine verbesserte Versorgung und Gesundheit von Patient:innen – was zeichnet idealerweise ein funktionierendes Gesundheitssystem aus?
Ein wirklich resilientes Gesundheitssystem muss Krisen und Herausforderungen aushalten können, sich flexibel an die Lage anpassen und bei Bedarf richtig priorisieren. Die Versorgungsforschung kann dabei entscheidend unterstützen. Eine unserer wichtigsten Lehren aus der Corona-Pandemie ist die Überwindung des „EbM-Lags”: Wir können in Krisen nicht Jahre auf Studienergebnisse warten. Wir brauchen pragmatische Studiendesigns und einen massiv verbesserten Zugang zu Echtzeitdaten, ganz so, wie es unsere Nachbarländer bereits vorleben. Ein System, das schon im Normalbetrieb durch Über-, Unter- und Fehlversorgung ineffizient ist, bricht in der Krise schneller zusammen. Deshalb setzen wir auf Evidenzbasierung und Transparenz als Basis. Wir müssen verstehen, dass das Gesundheitswesen ein komplexes, adaptives System ist, das nicht leicht zu steuern ist – und nicht rasch auf Krisensignale reagiert. Mein Ziel ist eine enge Verzahnung von Forschung, Politik und Praxis. Nur durch Vertrauen, engmaschiges Ergebnismonitoring und schnelle Konsensfindung können wir die drängenden Fragen des Versorgungsalltags wirklich zeitnah lösen. Dann sind wir auch für eine Krise gut aufgestellt.
Was genau ist unter „Versorgungsforschung“ zu verstehen? Wie kann diese Wissenschaftsdisziplin dazu beitragen, das Gesundheitssystem über kurz oder lang zu stärken?
Versorgungsforschung findet überall dort statt, wo das System auf die Realität trifft: also im echten Leben, im Alltag. Wir untersuchen unter Realbedingungen, welche Versorgung tatsächlich bei den Menschen ankommt und wie sie dann wirkt. Dabei reicht unser Spektrum von der Grundlagenforschung über Strukturen und Prozesse bis hin zu konkreten Interventionen. Wir analysieren krankheitsübergreifend die Perspektiven von Patient:innen, Pflegekräften und Ärzt:innen mit wissenschaftlichen Methoden, um auch der Politik eine fundierte Evidenzbasis zu liefern. Ein Kernstück ist unsere interventionelle Forschung. Darin entwickeln wir Innovationen nicht im Elfenbeinturm, sondern partizipativ, gemeinsam mit den Betroffenen. Neue Modelle testen wir direkt in der Praxis auf Wirksamkeit und Sicherheit, damit erfolgreiche Ansätze schnell in die Routineversorgung einfließen können. Unser Ziel ist ein bedarfsgerechtes, faires und nachhaltiges Versorgungssystem. Dafür greifen wir tief in den wissenschaftlichen Werkzeugkasten!
Wie ist die Versorgungsstruktur hierzulande zu bewerten? Welche markanten Herausforderungen gilt es derzeit zu bewältigen?
Da gibt es einige! Das Deutsche Gesundheitssystem und die darin angelegten Versorgungsstrukturen sehen sich einem enormen Kostendruck ausgesetzt, während gleichzeitig ein akuter Mangel an Fachkräften besteht. Das betrifft insbesondere die Kranken- und Altenpflege. Gleichzeitig beobachten wir, dass wirksame und kostensparende innovative Versorgungsformen zu langsam und in zu geringem Maße implementiert werden. Essenziell wäre zudem eine effektivere De-Implementierung von vergleichsweise ineffektiven und/oder ineffizienten Versorgungsformen. Der voranschreitende demografische Wandel verschärft diese Probleme, denn mit dem Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt unter anderem die Nachfrage nach Pflegeleistungen immer weiter an.
Die Folgen des Klimawandels wirken sich deutlich auf unsere allgemeine Gesundheit aus. Welche Ziele und Themen behandelt diesbezüglich die AG Klimawandel und Gesundheit des DNVF?
Die Klimakrise ist eine der größten Gefahren für unsere Gesundheit. Unser Ziel ist es, den untrennbaren Zusammenhang zwischen intakten Ökosystemen und menschlichem Wohlergehen wissenschaftlich zu untersuchen und in konkrete Handlungen zu übersetzen. Unsere Arbeit ruht dabei auf vier Säulen: Zuerst analysieren wir die harten Fakten der Klimafolgeschäden – etwa die Risiken für chronisch Kranke und die erhöhte Sterblichkeit durch Hitzebelastung. Zweitens arbeiten wir an der methodischen Verknüpfung von Gesundheits- und Klimadaten, um präzisere Prognosen zu ermöglichen. Drittens entwickeln wir Elemente für eine nachhaltige, hitzeresiliente Versorgung, damit das System auch bei Extremwetter voll funktionsfähig bleibt. Und viertens leiten wir daraus direkte Interventionen ab, wie etwa Hitze-Aktionspläne. Wir wollen weg vom rein reaktiven Handeln: Ziel ist ein System, das durch Prävention und Nachhaltigkeit aktiv vorsorgt.
Aufgaben und Ziele des DNVF
Der gemeinnützige Verein „Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e.V.“ (DNVF) wurde am 02. Mai 2006 in Berlin von 26 Fachgesellschaften, allesamt Mitglieder der Ständigen Kongresskommission des „Deutschen Kongresses für Versorgungsforschung“ (DKVF), gegründet. Das DNVF ist ein interdisziplinäres Netzwerk, das allen Institutionen, Arbeitsgruppen und Wissenschaftler:innen offensteht, die mit der Verbesserung der Gesundheits- und Krankenversorgung unter wissenschaftlichen, praktischen oder gesundheitspolitischen Gesichtspunkten befasst sind. Ziel des DNVF ist es, die Versorgungsforschung im Gesundheitswesen zu vernetzen, Wissenschaft und Versorgungspraxis zusammenzuführen sowie die Versorgungsforschung insgesamt zu fördern.
Beim 24. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung (DKVF) stand das Thema „Zukunftskompetenz für ein resilientes Gesundheitssystem” im Fokus: Welche Rolle können sog. „Frühwarnsysteme”, die mögliche Risiken bestenfalls rechtzeitig aufzeigen, spielen?
Frühwarnsysteme bilden eine zentrale Säule für die Resilienz eines modernen Gesundheitswesens. Ihre primäre Funktion besteht darin, durch die systematische Erfassung und Analyse von Daten – etwa aus dem Abwassermonitoring – drohende Krisen wie zum Beispiel Pandemien proaktiv zu identifizieren. Frühwarnsysteme fungieren als seismographische Instanz, die einen wertvollen Zeitvorteil verschafft, um aktiv agieren zu können, bevor eine Überlastung der Versorgungsketten eintritt. Diese Systeme spielen beispielsweise eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung von Lieferketten für kritische Arzneimittel. Indem sie Engpässe frühzeitig antizipieren, ermöglichen sie eine koordinierte Bevorratung und Ressourcensteuerung. Die Wirksamkeit solcher Warnsysteme ist jedoch untrennbar mit einer konsequenten Digitalisierung und einer deutlich verbesserten sektorübergreifenden Datenverfügbarkeit verknüpft. Nur durch die Integration verschiedener Datenströme können sie ihre volle Schutzfunktion entfalten und als strategisches Steuerungsinstrument wirken.
Der demografische Wandel sorgt für eine alternde Gesellschaft und einen höheren Pflegebedarf: Welche Fehlentwicklungen der letzten Jahre machen Sie in diesem Bereich aus und was kann die Versorgungsforschung hier leisten?
Fehlentwicklungen gibt es beispielsweise in der Palliativversorgung, wo eine ausgeprägte Unterversorgung ausgemacht werden konnte. Während rund 80 Prozent der Bevölkerung am Lebensende palliative Unterstützung benötigen, erhalten diese aktuell nur etwa 30 Prozent. Besonders Menschen mit Migrationshintergrund sind oft unterversorgt. An anderer Stelle kommt es zur Überversorgung, wenn etwa Krebspatienten trotz fehlender Heilungsaussicht bis kurz vor dem Tod belastende Therapien erhalten. Die Versorgungsforschung kann hier gegensteuern, indem sie den Fokus von reinen Struktur- und Prozesskriterien auf die patientenorientierte Ergebnisqualität verschiebt. Durch Analyse von Patient Reported Outcome Measures (PROMs) kann sie den individuellen Bedarf präziser ermitteln. Die Analyse von Registerdaten weitet den Blick von speziellen Patientengruppen auf die gesamte Bevölkerung. Gesundheitsversorgungsforschung entwickelt daraus Konzepte, die das soziale Umfeld besser einbinden. Dadurch trägt sie zum Aufbau von „Caring Communities“ bei, in denen die allgemeine Sterbekompetenz in der alternden Gesellschaft gestärkt wird.
Im Rahmen des DKVF 2025 haben Sie angemerkt, dass das deutsche Gesundheitssystem innovationsfreudiger sein könnte. Wie bewerten Sie hier die Veränderungsbereitschaft, auch im internationalen Vergleich?
Das deutsche Gesundheitssystem zeigt eine ambivalente Haltung zur Innovation. Einerseits besteht eine hohe individuelle Veränderungsbereitschaft, die sich in den zahlreichen durch den Innovationsfonds geförderten Projekten zeigt, welche positive Evaluationsergebnisse erzielen und Transferempfehlungen vom Innovationsausschuss erhalten. Andererseits leidet das System unter einem tiefgreifenden Strukturkonservatismus. Eine zentrale Hürde ist die Transferlücke: Erfolgreiche Pilotprojekte scheitern oft an der Integration in die Regelversorgung. Eine Ursache liegt darin, dass Deutschland im internationalen Vergleich unter anderem bei der Digitalisierung hinterherhinkt. Während Länder wie Österreich die Primärversorgung konsequent modernisieren, bleibt Deutschland sektoral geprägt. Für eine echte Dynamik müssen Widerstände und formale Hürden abgebaut werden und eine mutigere politische Priorisierung zugunsten moderner und evidenzbasierter Versorgungsformen erfolgen, die besser wirksam und gleichzeitig wirtschaftlicher als die etablierten Verfahren sind.
In diesem Jahr soll die Fördersumme des Innovationsfonds um 50 Prozent (und somit um 100 Millionen Euro) gekürzt werden: Welche Aufgaben hat dieses Instrument und was würde eine Kürzung über das Jahr 2026 hinaus bedeuten?
Der Innovationsfonds ist weit mehr als ein reiner Fördertopf. Er fungiert als zentraler Motor für ein modernes, evidenzbasiertes Gesundheitssystem. Aufgabe des Innovationsfonds ist es, die wissenschaftliche Basis zu schaffen, um die Versorgung gleichzeitig patientenorientierter und wirtschaftlicher zu gestalten und so der Finanzierungskrise entgegenzuwirken. Sollte die Kürzung über 2026 hinaus Bestand haben, wären die Folgen gravierend. Innovationen bei neuen Versorgungsformen und der Digitalisierung würden massiv verzögert oder kämen völlig zum Stillstand. Ohne diese Mittel im Innovationsfonds wird die Datengrundlage für politische Entscheidungen entscheidend geschwächt, wodurch Fehlversorgungen unentdeckt bleiben können und Lösungen nicht entwickelt werden. Letztlich gefährdet dies die Patientensicherheit und führt durch vermeidbare Komplikationen zu langfristigen Mehrkosten. Eine dauerhafte Kürzung konterkariert somit das Ziel, das System stabil und zukunftsfähig zu halten und seine Krisenfestigkeit zu stärken.
Für die Sicherung der Gesundheitsversorgung ist auch eine entsprechende Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses unerlässlich: Welche Maßnahmen braucht es dabei für eine zukunftsorientierte Fachkräftesicherung?
Die Nachwuchsförderung gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung. Wir fördern die Qualifikation durch eigene Angebote wie unsere schon traditionelle DNVF-Spring-School, die Fortbildung REGIBA (registerbasierte Forschung), unterstützen bestehende und neue Studiengänge durch ein Basis-Curriculum, durch unser Lehrbuch Versorgungsforschung, aber auch ganz praktisch durch Materialien und Dozent:innen. Für den wissenschaftlichen Nachwuchs bieten wir insgesamt 30 Arbeits- und Fachgruppen zum Netzwerk, unser jährliches Forum und zahlreiche Formate auf dem Jahreskongress an. Ein Mentoring-Programm begleitet junge Wissenschaftler:innen auf dem Weg hin zu einer Professur. rt