Krisen, Kriege, Katastrophen: Wie soll man da noch positiv gestimmt bleiben? In seinem aktuellen Bestseller „Hoffnungslos optimistisch” wirft Dirk Steffens einen „ziemlich wissenschaftlichen Blick in die Zukunft.” Dabei kommt der preisgekrönte Journalist zu dem Schluss: „Gerade in schwierigen Zeiten gibt es zum Optimismus keine vernünftige Alternative.” Im Interview mit PVS einblick verdeutlicht Steffens, wie die kleinen und großen Herausforderungen des Alltags zu lösen sind – und was wir selbst zu diesen Lösungen beitragen können.
Exemplarisch für den anhaltenden Pessimismus hierzulande nennen Sie in Ihrem Buch Zugverspätungen und -ausfälle. Weshalb bietet sich die Deutsche Bahn immer wieder als Beispiel an, wenn es darum geht, von individuellen Erlebnissen auf ein generelles „Nichts geht mehr”-Gefühl zu schließen?
Dirk Steffens: Ich bin gerade wieder aus einem verspäteten Zug ausgestiegen. So wie abertausende andere Menschen auch, die an jedem einzelnen Tag ganz ähnliche Erfahrungen machen. Die erzählen wir dann unserer Familie, unseren Freunden und Kolleginnen. So wird aus der Summe von individuellen Erfahrungen eine kollektive Erzählung: „Die Bahn funktioniert nicht mehr.” Und weil das schon seit Jahren so ist und alle Versuche, die Zuverlässigkeit zu erhöhen, bisher noch keine spürbaren Erfolge gezeitigt haben, ist die Bahn zu einem Triggerpunkt geworden, der Millionen Menschen in der Befürchtung zu bestätigen scheint: „In Deutschland funktioniert nichts mehr.” Die Bahn trägt also unfreiwillig Mitverantwortung daran, dass so viele Menschen sich frustriert vom Staat und den etablierten Parteien abwenden.
Dirk Steffens: Hoffnungslos optimistisch. Ein ziemlich wissenschaftlicher Blick in die Zukunft, Penguin, 144 Seiten, 20,00 €
Hier gibt es alle Termine der aktuellen Lesetour von Dirk Steffens mit seinem Buch „Hoffnungslos optimistisch”.
Inwiefern kann aus solch ärgerlichen Alltagserlebnissen schrittweise eine gefühlte Realität entstehen? Weshalb sollten wir – Zitat – „vielmehr unseren subjektiven Wahrnehmungen und Emotionen misstrauen”?
Kein Mensch kann gleichzeitig ein tiefes Verständnis für die globalen Wirtschaftskreisläufe, das Natursystem Erde, politische Willensbildungsprozesse und all die anderen großen Fragen der Welt aufbringen. Die Welt ist viel zu komplex für ein Gehirn. Da wir aber dennoch – bei Wahlen, Diskussionen oder Fragen unserer Kinder – ständig Stellung zu allem Möglichen beziehen müssen, vereinfacht unser Gehirn. Es bastelt aus unseren Alltagserfahrungen ein Weltbild. Die Bahn kommt zu spät, die Butter wird teurer: Früher war alles besser und wir brauchen eine andere Regierung. Wir können halt nur auf Grundlage dessen urteilen, was wir kennen. Und das ist natürlich nur ein winziger Teil der Welt. Ich nenne das die Wadsiweg-Regel: Was-Du-siehst-ist-was-es-gibt. Und den ganzen Rest ignorieren wir.
Sie schreiben: „Eine verunsicherte Gesellschaft ist anfälliger für Populismus und Fehlurteile.” Wie kann es da idealerweise gelingen, Fakten und Gefühle voneinander zu trennen?
Ich befürchte: Gar nicht. Zumindest nicht im öffentlichen Diskurs und schon gar nicht in der Politik. Menschen folgen nicht Fakten, sondern Geschichten. Das war schon immer so. Wir haben ja nicht erst überall auf der Welt riesige Kirchen gebaut und danach überlegt, wofür die gut sein könnten. Natürlich war zuerst die Religion da. Das war bei Jesus so, auch bei Buddha, Gandhi, Hitler oder Stalin: Zuerst kommt die Erzählung. Verbreitet sie sich, kann sie eine große Kraft entfalten und die Welt verändern. Zum Guten oder Schlechten, je nach Erzählung. Deshalb müssen wir heute den populistischen, undemokratischen Erzählungen etwas entgegensetzen. Nicht nur Fakten, sondern faktenbasierte Narrative, die Hoffnung und Kraft geben.
Gesellschaftliche Herausforderungen wie die Pandemie oder der Klimawandel wurden und werden von nicht wenigen Menschen angezweifelt oder heruntergespielt. Warum schwindet vermehrt das Vertrauen in die Wissenschaft und welche Rolle spielt dabei das von Ihnen aufgeführte Fakten-Paradox?
Zu viele Informationen helfen auch nicht, denn wir können sie nicht verarbeiten. Unsere 12-jährigen Söhne haben mit ihren Handys jederzeit Zugriff auf das gesamte Wissen der Welt. Sie verfügen damit über größere Wissensressourcen als alle Könige, Kaiser, Päpste und Gelehrten der Vergangenheit. Aber macht sie das zu weisen und reifen Persönlichkeiten? Gewaltige Informationsströme machen uns fast so hilflos wie gar keine Infos. Denn bei zu vielen Daten fällt es uns schwer, falsch von richtig und wichtig von unwichtig zu unterscheiden. Informationen müssen ausgewählt und eingeordnet werden, sonst tragen sie eher zur Verwirrung bei, als zur Orientierung.
Dirk Steffens ist einer der bekanntesten und renommiertesten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands, spezialisiert auf Umwelt- und Naturthemen. Der Dokumentarfilmer, TV-Moderator und Buchautor arbeitet seit 2022 für die Film- und Print-Redaktionen von „GEO”. Das gemeinsam mit Fritz Habekuß veröffentlichte Buch „Über Leben” wurde 2020 ebenso zum Bestseller wie im Folgejahr „Projekt Zukunft”. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter das Bundesverdienstkreuz, der Heinz Sielmann Ehrenpreis, der Walter-Scheel-Preis, die Goldene Kamera und der Deutsche Fernsehpreis. Die Universität Bayreuth verlieh ihm zudem die Ehrendoktorwürde für Geowissenschaften. 2024 wurde er vom Club der Optimisten als „Optimist des Jahres” ausgezeichnet.
Der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens bei Instagram
Manch eine/r sperrt sich trotz ausreichender Informationen und Warnungen gegen den Blick in die Zukunft. Woher rührt diese Auffassung, selbst nicht zuständig zu sein?
Erstens ist das eine bequeme Ausrede, um persönlich keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Und das Große-Problem-Paradox verstärkt die Neigung, sich rauszuhalten. Denn bei wirklich großen Problemen wie dem Klimawandel reden so viele Leute darüber – so viele gebildete und mächtige Menschen äußern sich –, dass sich bei uns Normalos das Gefühl einstellen kann: Die kümmern sich, mich braucht da keiner. Stimmt natürlich nicht. Denn vor einem gesellschaftlichen Wandel steht immer die gesellschaftliche Mehrheit.
Besteht die Gefahr, sich an Krisen und schlechte Nachrichten „zu gewöhnen”? Ist eine bewusste Auszeit von aktuellen Meldungen und der Informationsflut ratsam?
Nein. Aber es macht Sinn, die gute Hälfte der Nachrichten aktiv zu suchen, die in News-Shows und -Feeds kaum auftaucht, weil schlechte Nachrichten mehr Views, mehr Klicks, bessere Quoten erzielen. Beim Klimawandel etwa hören wir meistens nur, was schlimmer wird, aber dass China wahrscheinlich die CO2-Wende geschafft hat oder Deutschland inzwischen mehr Strom aus erneuerbaren Quellen bezieht als aus fossilen, bekommt kaum jemand mit.
Im Kapitel „Mehr ist mehr” heißt es: „Auch ein Leben im Überfluss macht nicht zwingend glücklich.” Weshalb ist der Zukunftsoptimismus in weniger wohlhabenden Ländern teils sogar ausgeprägter?
Weil das Fortschrittsversprechen wichtiger ist als das Bestandsversprechen. Demokratie braucht den Glauben daran, dass es morgen besser sein kann als heute. Sonst müsste man ja nicht wählen oder sonst irgendetwas für die Gesellschaft tun. Unsere Gesellschaft zweifelt gerade sehr stark an diesem „besseren Morgen“, während in Schwellenländern wie China oder Brasilien eine reale Chance besteht, dass es bergauf geht.
Inwiefern unterscheiden sich Hoffnung und Optimismus?
Die Welt wird nicht von allein besser, aber wir können sie besser machen. Hoffnung ist beliebig, man kann ja auf alles Mögliche hoffen, sogar auf den Weltuntergang. Ein Attentäter kann auf möglichst viele Opfer hoffen. Optimismus ist meinem Verständnis nach eine Haltung, die Probleme schonungslos analysiert, dann überlegt, wie sie zu lösen sind, und schließlich fragt, was ich selbst zu dieser Lösung beitragen kann.
Die Menschheit verfügt heute über so viel Wissen wie nie zuvor; weniger als zehn Prozent der Weltbevölkerung leben in extremer Armut. Wieso fokussieren wir uns dennoch eher auf die schlechten Nachrichten?
Die extreme Armut hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weltweit halbiert. Die Kriminalität in Deutschland ist im selben Zeitraum deutlich gesunken – aber wir fühlen eher das Gegenteil. Unser Gehirn ist leider noch das Modell „Steinzeit“. Für nomadische Jäger-und-Sammler war es viel wichtiger, sich die eine giftige Schlange genau zu merken, als alle bunten Singvögel. Gefahren, Katastrophen, Unglücke hinterlassen in unserem Gehirn tiefere Spuren als positive Erlebnisse. In der menschlichen Evolution ein Überlebensvorteil. Steinzeitinstinkte haben unseren Vorfahren ständig das Leben gerettet – im Schienenersatzverkehr oder bei der Steuererklärung helfen sie aber nicht weiter.
Sie bezeichnen sich als „hoffnungslosen Optimisten“: Welche Rolle spielen dabei auch Träume und Fantasie?
Fantasie ist die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, das es in der Realität nicht oder noch nicht gibt. Das ist der vielleicht größte Unterschied zwischen Tier und Mensch. Ein Hund kann vielleicht von einem saftigen Knochen träumen, aber nicht vom Weltfrieden. Die Abschaffung der Sklaverei, Demokratie, die Gleichberechtigung der Frau – das waren alles mal „verrückte“ Fantasien. Bis wir Menschen sie zu unserer Wirklichkeit gemacht haben. Nichts davon ist einfach so passiert. Wir haben die Welt nach unserem Willen gestaltet.
Sie schreiben: „Zukunft ist keine Tatsache. Sie ist ein Entwurf.” Was lässt Sie aktuell optimistisch nach vorn schauen?
Unsere Fähigkeit, sich eine andere Zukunft vorzustellen, als sie uns im Moment droht. Wir brauchen dafür nur die richtigen Narrative, denn die Zukunft wird so sein, wie wir heute über sie sprechen.