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Junge Frau im Profil vor rosafarbenem Hintergrund fast sich mit geschlossenen Augen an den Hals

Schilddrüsenerkrankungen: „Belastende Situationen spielen immer eine Rolle“

Ständiger Druck im Hals und der Zwang, sich stets räuspern zu müssen – typische Symptome einer Hashimoto-Thyreoiditis. Foto: © Pixel-Shot - stock.adobe.com
Portratitfoto des Artikel-Autors Robert Targan
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min.Lesezeit

Schilddrüsenerkrankungen stellen für Priv.-Doz. Dr. med Beate Quadbeck, Endokrinologin, einen Schwerpunkt in ihrer Praxis in Düsseldorf dar. Im Gespräch mit PVS einblick erläutert sie Ursachen und Symptome zweier sehr häufiger Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse – Morbus Basedow und Hashimoto-Thyreoiditis. Auch zur Therapiebegleitung und zu etwaigen Heilungschancen gibt die Expertin Auskunft.

Schilddrüsenhormone beeinflussen zahlreiche Körperfunktionen wie den Stoffwechsel, unseren Kreislauf, auch die Psyche. Mit Blick auf eine Morbus Basedow-Erkrankung – von welchen Beschwerden berichten Ihre Patientinnen und Patienten?

Dr. Beate Quadbeck: Am Anfang von gar keinen, denn die Beschwerden schleichen sich meistens ein. Typische Symptome sind aber Herzrasen, Schlaflosigkeit oder – im Falle einer schweren Schilddrüsenüberfunktion – auch eine Gewichtsabnahme. Sportler berichten zudem, dass sie zum Beispiel bei ihrer Joggingrunde einen bestimmten Berg nicht mehr so einfach bewältigen können, wie zuvor. Was die Psyche betrifft, ist eine innere Unruhe zu nennen. Da fällt schon mal der Satz: „Ich kenne mich nicht mehr.“ Depressionen kommen hingegen eher seltener vor.

Durchaus Symptome, die Betroffene auch mit anderen Ursachen in Verbindung bringen könnten …

Das gilt sowohl für die Basedowsche Krankheit, als auch die Hashimoto-Thyreoiditis, auf die wir auch noch zu sprechen kommen. In beiden Fällen treten recht unspezifische Symptome auf, die es der Patientin und dem Patienten, aber auch dem Arzt nicht leicht machen, die Krankheit zu deuten.

Was bedeutet es, wenn die Schilddrüse beim Morbus Basedow „mehr arbeitet“, als sie eigentlich sollte?

Die zugrundeliegende Ursache beim Basedow sind Antikörper – im Unterschied zur Hashimoto-Erkrankung allerdings keine zerstörerischen Antikörper, sondern meist stimulierende. Und zwar stimulierend an der Schilddrüse, es werden zu viele Hormone produziert. Das ist es, was die Patientinnen und Patienten spüren: Zu viele Hormone, die im Körper wirken und beispielsweise das eingangs genannte Herzrasen auslösen. Der Gesamte Stoffwechsel im Körper wird „angeheizt“, das kann auf Dauer sehr krank machen, die Muskulatur wird abgebaut.

Welche Rolle spielen da Faktoren wie Stress, Rauchen oder auch die genetische Veranlagung?

Wir sehen das sehr häufig, dass in der Familie von Betroffenen auch Autoimmunerkrankungen anderer Art vorkommen, häufig aber eben Erkrankungen der Schilddrüse. Wenn wir nachhaken, machen wir bei Morbus Basedow-Fällen sehr häufig Verwandte aus, die an der Hashimoto-Thyreoiditis leiden – vor allem Frauen. Der Faktor Stress ist natürlich immer eine Sache der Definition, allerdings gab es etwa nach dem Zweiten Weltkrieg Untersuchungen, die belegen konnten, dass Kriegsrückkehrer, in diesem Fall also Männer, viel häufiger an Morbus Basedow erkrankten, als zuvor. Belastende Situationen spielen also immer eine große Rolle, auch später in der Therapie. Diese wird durchs Rauchen negativ beeinflusst, sollte es nicht aufgegeben werden. In diesem Zuge ist auch das Symptom der hervortretenden Augen zu nennen ...

… eine typische Erscheinung beim Morbus Basedow ...

… die Betroffene, gerade Frauen, oftmals am meisten belastet, da es sich um eine kosmetisch-entstellende Problematik handelt. Die Menschen sehen mitunter anders aus, als in ihren Ausweisdokumenten. Dieses Merkmal hält sich sehr hartnäckig – und da ist Rauchen ein ganz großer Faktor. Wird dieses nicht umgehend eingestellt, verschwindet auch die Entzündung der Augen nicht mehr. Ein äußerliches, prägendes Stigma. Antikörper kann man nicht sehen – hervorgetretene Augen leider schon.

Was man bei dieser Erkrankung in manchen Fällen auch sehen oder ertasten kann, ist ein Kropf – die sogenannte Struma. Welche Risiken birgt diese Vergrößerung des Schilddrüsengewebes?

Tatsächlich kein allzu großes Risiko. Es stimmt, dieser Kropf tritt bei der Basedowschen Erkrankung fast immer auf, stört die Patientinnen und Patienten aber nur selten. Wir Therapeuten hingegen müssen erkennen, ob diese Struma so groß ist, dass es sich um einen negativen Vorhersageparameter handelt. Bei einem sehr großen Kropf ist die Chance, dass die Erkrankung ausheilt, geringer. Dass dieser aber auf Luft- oder Speiseröhre drücken könnte, spielt in der Praxis eher keine Rolle.

Wie steht es generell um Heilungschancen, aber auch die Gefahr eines Rückfalls?

Morbus Basedow ist eine Erkrankung, die mittels einer medikamentösen Therapie ausheilen kann. Da die gesteigerte Hormonproduktion durch die Tabletten ruhiggestellt wird, ist die Schilddrüse offenbar nicht mehr diesem großen Stress ausgesetzt. Dann kommt es tatsächlich zum Abfall der Antikörper – das lässt sich, wenn es gut läuft, im Laufe der Therapie, die in der Regel ein Jahr andauert, gut beobachten. Einen möglichen Rückfall kann man leider nicht vorhersehen. Daher gilt: Einmal Schilddrüsenpatient, immer Schilddrüsenpatient.

Was dann wohl auch für die Hashimoto-Thyreoiditis gilt. Bei dieser chronischen Entzündung der Schilddrüse kommt es zur Unterfunktion …

… und hier erschweren die unspezifischen Symptome eine Diagnose umso mehr. Eine Hashimoto-Thyreoiditis wird hierzulande eigentlich immer zufällig entdeckt, meist durch Blutabnahmen beim Hausarzt. Patientinnen und Patienten suchen die Praxis auf, weil sie unter andauernder Müdigkeit, Gewichtszunahme und Abgeschlagenheit leiden – das schreiben nahezu alle Betroffenen in die Anamnesebögen hinein. Die wenigsten stellen sich mit einer richtigen Unterfunktion vor, sondern eher mit einer Neigung, einer Tendenz der Erkrankung. Es existieren mittlerweile viele Bücher und Meinungen zu dieser Autoimmunerkrankung, da kommen mitunter leider abstruse Thesen zustande. Klar ist aber, dass der Leidensdruck des Hashimoto-Patienten größer ist, als der des Basedow-Patienten – ohne letztere Krankheit schmälern zu wollen.

Von welchen weiteren Beschwerden berichten Ihnen Hashimoto-Betroffene?

Unabhängig voneinander schildern sehr viele ein Gefühl, „ähnlich wie Watte im Kopf“. Andere klagen über einen ständigen Druck im Hals, über den Zwang, sich stets räuspern zu müssen. Besonders sensible Menschen bemerken also, dass etwas mit ihnen passiert.

Frauen sind häufiger betroffen als Männer: Wie verhält es sich mit der Problematik, dass Symptome mit Wechseljahrsbeschwerden fehlgedeutet werden können?

Auch hier kommt wieder die grundlegende Problematik der unspezifischen Merkmale ins Spiel. Die Symptome beider Krankheitsbilder, über die wir hier sprechen, lassen sich wie eine Schablone über die klassischen Wechseljahrsbeschwerden legen. Beim Basedow kann es beispielsweise auch zu Hitzewallungen kommen, gleiches gilt fürs Herzrasen. Die für Hashimoto typische Müdigkeit ist wiederum auch Kennzeichen der Wechseljahre. In unserer Praxis für Endokrinologie können wir glücklicherweise beide Fälle abklären – Schilddrüse oder Wechseljahre.

Auch die Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit dürfte in Ihrer Praxis Thema sein.

Das Thema „unerfüllter Kinderwunsch“ ist sogar ein sehr wichtiges, das viele Frauen zu uns führt. In der Tat ist es grundsätzlich so, dass die Fertilität vermindert ist, liegt eine Hashimoto-Thyreoiditis vor. Leider liegt auch die Abortrate hier höher. Da müssen wir dann sichergehen, dass die Frauen bereits vor einer Empfängnis eine gute Einstellung ihrer Schilddrüsenwerte haben. Denn: In der Frühschwangerschaft geht der Bedarf an Schilddrüsenhormonen bei jeder Frau – egal ob Hashimoto oder nicht – um bis zu 50 Prozent hoch. Diese Werte werden alle vier Wochen überprüft.

Ist die Hashimoto-Thyreoiditis heilbar?

Leider nicht. Tatsächlich äußert sich die Erkrankung individuell sehr unterschiedlich – es existiert keine Schublade mit der Aufschrift „Hashimoto für jedermann“. Bei manchen Patientinnen und Patienten treten Schwankungen auf und die Erkrankung verläuft in Schüben. Diese nehmen im Alter ab, da dann das Immunsystem nicht mehr so aktiv ist. Beim Gros stellen wir allerdings milde Formen fest, bei denen die Betroffenen jährlich zum Kontrolltermin gehen und täglich eine Schilddrüsenhormon-Tablette einnehmen. Dies lässt sich gut in den Alltag integrieren.

endokrinologie-duesseldorf.com

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Ausgabe: 01/2021

Titelthema – Autoimmunerkrankungen