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Das Gesundheitssystem ist für die Menschen da, nicht umgekehrt

Das Gesundheitssystem ist für die Menschen da, nicht umgekehrt

Foto: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen
5 Min.Lesezeit

Karl-Josef Laumann war von 2005 bis 2010 und ist seit 2017 Gesundheitsminister des Landes Nordrhein-Westfalen. Unter seiner Regie hat das bevölkerungsreichste deutsche Bundesland die Corona-Pandemie in den vergangenen gut zwei Jahren bewältigt. Dabei ist in den Hintergrund getreten, dass Laumann darüber hinaus zukunftsweisende Projekte angestoßen hat wie etwa die Landarztquote, die Strukturreform der Krankenhauslandschaft, steigende Ausbildungszahlen in der Pflege. Die politische Heimat des 64-Jährigen aus Riesenbeck im Münsterland ist die CDU. Seit 2004 ist er Präsidiumsmitglied der CDU Deutschlands, seit 2005 Bundesvorsitzender der CDA, der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmer in der CDU.  PVS einblick sprach mit dem NRW-Gesundheitsminister über die vergangenen fünf Jahre und die Herausforderungen der kommenden Jahre.

PVS einblick: Herr Laumann, die Corona-Pandemie bestimmt seit über zwei Jahren das Tagesgeschäft eines Gesundheitsministers nicht nur in Deutschland. Welches Fazit ziehen Sie heute?

Karl-Josef Laumann: Die Pandemie hat unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem vor eine große Herausforderung gestellt. Wir haben aber auch erlebt, dass unser Gesundheitssystem in dieser gewaltigen Herausforderung – bei allen Problemen im Detail – gut aufgestellt war und ist und ihr verlässlich begegnet ist. Sobald Impfstoff da war und wir begonnen haben, zuerst die vulnerablen Bevölkerungsgruppen insbesondere in den Pflegeeinrichtungen zu impfen, sind die Todeszahlen dort schnell zurückgegangen. Schon früh war Nordrhein-Westfalen beständig in der Spitzengruppe der deutschen Bundesländer mit den höchsten Impfquoten. Das ist so bis heute. Ich finde, das ist auch einmal ein Anlass allen, die dazu beigetragen haben, ein herzliches Dankeschön zu sagen. Aber ich sage auch, Vorsicht an der Bahnsteigkante. Das Virus wird uns weiter begleiten. Wir werden lernen müssen, damit umzugehen.

Die Pandemie hat viele Probleme im Gesundheitswesen überdeckt. Sie sind aber immer noch da, Stichwort: Ärztemangel auf dem Land.

2019 hat der nordrhein-westfälische Landtag unseren Gesetzentwurf für eine Landarztquote beschlossen. Nach drei Jahren kann man bilanzieren, dass die Landarztquote ein Erfolgsprojekt ist: Seit der Einführung haben sich 3.349 Bewerberinnen und Bewerber auf 528 Studienplätze beworben. Die jungen Menschen verpflichten sich mit der Annahme des Studienplatzes, nach dem Ende des Studiums als Hausärztin oder Hausarzt in ländlichen Regionen zu praktizieren. Unsere NRW-Landarztquote hat darüber hinaus auch Vorbildcharakter für andere Bundesländer, die mittlerweile ebenfalls die Landarztquote nach dem Beispiel von Nordrhein-Westfalen eingeführt haben.

Mit weiteren Maßnahmen wie dem Hausarztaktionsprogramm, der Gründung der neuen Medizinischen Fakultät Ostwestfalen-Lippe an der Universität Bielefeld (dafür stellen wir aktuell 45 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung) sowie der Verdoppelung von Medizinstudienplätzen an der Universität Witten-Herdecke haben wir weitere wichtige Weichen für eine möglichst wohnortnahe hausärztliche Versorgung gestellt.

Stichwort Fachkräftemangel in der Pflege …

Wir konnten uns im vorigen Jahr in Nordrhein-Westfalen über Ausbildungszahlen auf Rekordniveau freuen. So haben bei uns 17.413 Menschen 2021 die Ausbildung zur Pflegefachkraft aufgenommen. Das war gegenüber 15.837 Auszubildenden im Jahr davor eine Steigerung um knapp zehn Prozent. Und dabei war das Jahr 2020 schon ein Rekordjahr bei den Ausbildungszahlen in der Pflege in NRW. Das zeigt, dass hier die Maßnahmen der nordrhein-westfälischen Landesregierung zur Stärkung der Pflegeausbildung erste Früchte tragen. So haben wir in den vergangenen Jahren 350 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um die Modernisierung und den Kapazitätsausbau von Pflegeschulen und Schulen des Gesundheitswesens zu fördern.

Und weil der Fachkräftemangel nicht nur in der Pflege besteht, sondern auch in den anderen Gesundheitsfachberufen, haben wir hier das Schulgeld für die Schülerinnen und Schüler abgeschafft. Das Land NRW trägt nun die Kosten, und zwar zu 100 Prozent. Das sind pro Jahr zurzeit rund 45 Millionen Euro. Auch das hat zu einer erheblichen Steigerung bei der Zahl der Auszubildenden geführt. Allein in der Physiotherapie haben wir im Laufe eines Jahres die Zahl der Auszubildenden dadurch um fast 12,8 Prozent gesteigert, von 4.865 Ausbildungsplätzen im Oktober 2020 auf 5.486 im Oktober 2021.  In den Bereichen Logopädie und Ergotherapie gab es im gleichen Zeitraum ähnlich hohe Steigerungsraten. Auch das ist ein wichtiger Beitrag und zeigt, dass die Landesregierung in einer älter werdenden Gesellschaft den hohen Stellenwert von Gesundheitsberufen anerkennt und fördert.

Den dicksten Brocken aber haben Sie noch vor sich: die Strukturreform der Krankenhauslandschaft in Nordrhein-Westfalen.

Wir stärken die Krankenhauslandschaft und machen sie zukunftsfest! Wir haben ein doppeltes Ziel: Mehr Koordination und Aufgabenteilung in der Spezialversorgung einerseits und verlässliche Sicherstellung der wohnortnahen Versorgung andererseits. Der Plan gibt vor, dass die meisten Menschen in Nordrhein-Westfalen (über 90 Prozent) innerhalb von 20 Minuten ein Krankenhaus erreichen können. Damit weisen wir in NRW einen Wert aus, der sogar noch über die G-BA-Vorgaben hinausgeht.

Unser Ziel ist es darüber hinaus, die Qualität er Gesundheitsversorgung für die Menschen in Nordrhein-Westfalen noch weiter zu steigern. Denn das System ist für die Menschen da, nicht umgekehrt. Auch das haben wir auf den Weg gebracht. So setzt unser neuer Krankenhausplan zugespitzt gesagt nicht mehr auf die Anzahl der Betten, sondern er zielt auf die konkreten Behandlungen und die dafür notwendigen Qualitätsvoraussetzungen.

So etwas kann man nur auf Basis verlässlicher Daten, Zahlen und Fakten erreichen. Deswegen haben wir die Reform im Jahr 2019 mit einem umfassenden Gutachten begonnen. Was dann kam, war ein sehr intensiver Arbeitsprozess, in dem wir im Landesausschuss für Krankenhausplanung unter anderem die Krankenhausgesellschaft, die Krankenkassen sowie die Ärztekammern an einen Tisch gebracht haben für die Ausarbeitung des neuen Krankenhausplanes. Natürlich hat die Pandemie dabei für Verzögerungen gesorgt, aber alle Beteiligten sind drangeblieben und haben sich am Ende geeinigt. Den Krankenhausplan 2022 haben wir jetzt nach zweijähriger Erarbeitung und einem transparenten parlamentarischen Verfahren veröffentlicht.

Darauf können wir auch ein Stück stolz sein, denn er ist bundesweit vorbildlich. So hat der Bund jetzt eine Regierungskommission eingerichtet, die den Gedanken der nordrhein-westfälischen Krankenhausreform aufgreift. Aber Sie haben Recht: Das jetzt umzusetzen, wird eine der zentralen Aufgaben der nächsten Legislaturperiode werden.

Wir danken Ihnen für das Interview.

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