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Behandlungsergebnisse verbessern und Lebensqualität steigern

Behandlungsergebnisse verbessern und Lebensqualität steigern

Spezialisierte Palliativmediziner können ihr Wissen auch auf virtuellem Wege weitergeben. Foto: © Andrey Popov - stock.adobe.com
Portratitfoto des Artikel-Autors Robert Targan
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min.Lesezeit

In immer mehr Einsatzgebieten kommen die vielfältigen Möglichkeiten der Telemedizin zum Tragen: Davon profitieren vor allem Protagonisten der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum, verstärkt aber auch Kliniken, die auf virtuellem Wege ihre spezialisierte Expertise flächendeckend zur Verfügung stellen. Ein internationales Forschungskonsortium unter Leitung der Berliner Charité widmet sich aktuell der Frage, inwiefern telemedizinische Beratung die Palliativversorgung auf Intensivstationen verbessern kann.  

Seit dem Jahr 2017 wird die Videosprechstunde als telemedizinische Leistung regelhaft vergütet; vor allem während der Corona-Pandemie erhielt diese ortsunabhängige Kommunikationstechnologie einen kräftigen Schub. Als innovatives Instrument zur Weiterentwicklung der Versorgung eröffnet die Telemedizin ihren Nutzern kontinuierlich neue Perspektiven: Neben der digitalen Sprechstunde zwischen Patient und Arzt oder der Diagnostik und Therapie verschiedener Krankheiten, kann sie auch in der Pflege eine wichtige Rolle spielen. Unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin ist zu Beginn des Jahres 2024 ein europäisches Forschungsprojekt gestartet, das folgender Frage nachgeht: Können telemedizinische Beratungen die Palliativversorgung auf Intensivstationen weiter verbessern? Denn: Auch wenn diese Versorgung von Patienten auf Intensivstationen übliche Praxis ist, verfügt doch nicht jede Klinik über eine spezialisierte Expertise. Das Projekt „Enhancing palliative care in ICU“ (kurz: EPIC) wird von der EU-Kommission mit rund 6,3 Millionen Euro gefördert und ist auf eine Laufzeit von fünf Jahren angelegt.

Bei komplexen Krankheitsbildern und Symptomen kann es für das intensivmedizinische Personal sehr hilfreich sein, wenn es eine konkrete Beratung von spezialisierten Palliativmedizinern erhält. Das weiß auch Prof. Claudia Spies, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Charité. Als Leiterin des Forschungsvorhabens EPIC betont sie: „Patienten mit einer schweren Erkrankung, die mit den normalen Methoden der Medizin nicht mehr zu heilen ist, haben oftmals Schmerzen, sie leiden vielleicht an Luftnot und natürlich auch unter großen Ängsten. In der ganzheitlichen Palliativmedizin werden diese Menschen mit all ihren Werten und sozialen Strukturen gesehen.“ Aus diesem Grunde sei es von großer Bedeutung, dass auch das intensivmedizinische Personal entsprechend geschult ist, um Betroffenen eine palliativmedizinische Basisversorgung zu garantieren. Dazu zähle neben der Linderung von Schmerzen und Beschwerden auch die spirituelle Ebene, die Fragen nach dem Sinn des Lebens sowie religiöse Blickwinkel berührt. „Es ist wichtig, dass auch das intensivmedizinische Personal auf solche Fragen vorbereitet ist“, so Claudia Spies.

Verbesserte Qualität der Versorgung dank Telemedizin

Auch schwer oder chronisch kranke Menschen, die nicht am Ende ihres Lebens stehen, werden palliativ versorgt. Ein häufiges Missverständnis sei es laut Claudia Spies, dass die Palliativmedizin mit Sterbebegleitung gleichgesetzt werde: „Die Frage ist immer: Was kann man leisten? Es gibt eben Fälle, in denen eine so schwere Erkrankung vorliegt, dass Angehörige die Pflege nicht mehr ohne Unterstützung bewältigen können. Vielleicht machen sie sich dann sogar Vorwürfe oder sie drohen in dieser Situation auszubrennen.“ Eine flächendeckend verbesserte Versorgung käme somit den Patienten und ihren Angehörigen gleichermaßen zugute. EPIC beleuchtet daher den Nutzen von telemedizinischer Beratung durch palliativmedizinische Experten und stellt diese der gängigen Versorgung auf Intensivstationen gegenüber. Das Forschungsprojekt, an dem 2.000 Patienten mit ihren Familienmitgliedern teilnehmen, wird in sieben klinischen Zentren mit Palliativmedizin sowie 23 multidisziplinären Intensivstationen durchgeführt – und das in fünf europäischen Ländern. Dabei gilt es, das Klinikpersonal in einem ersten Schritt palliativmedizinisch zu schulen; im Anschluss startet die telemedizinische Beratungsphase. „Aus anderen intensivmedizinischen Settings sowie der Corona-Zeit wissen wir, wie hilfreich die Telemedizin sein kann“, so Spies. „Experten sind schließlich nicht immer rund um die Uhr verfügbar.“ Dank der ortsunabhängigen Kommunikation aber lasse sich die Qualität der Versorgung durch wertvolle Ratschläge verbessern. Darauf aufbauend erhalten die teilnehmenden Teams Checklisten, die sie dabei unterstützen sollen, möglichst frühzeitig jene Patienten zu erkennen, die von einer spezialisierten Palliativversorgung profitieren.

Mit EPIC möchte das internationale Forschungskonsortium Kliniker und Forschende zusammenbringen – und zwar aus den Bereichen Palliativ- und Intensivversorgung, Sozialwissenschaften, Pflegewissenschaften, Physio-, Ergo- und Logotherapie, Psychologie, Ethik und Seelsorge sowie Gesundheitsökonomie. Laut der Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Charité könne dies auch den Teamgedanken auf einer Intensivstation stärken: „Es ist von großer Bedeutung, immer wieder gemeinsam zu rekapitulieren, ob eingeleitete Maßnahmen tatsächlich im Sinne des Patienten sind. Soll der 80-jährige Patient noch eine Dialyse erhalten? Ist eine neue Hüfte nach zweijähriger Bettlägerigkeit die richtige Lösung? Oder bietet sich vielmehr ein palliatives Setting mit holistischem Ansatz an?“ Jeder Patient, so unterstreicht Claudia Spies, habe das Recht darauf, dass seine Symptome ernst genommen werden. Denn Empfindungen wie Schwäche, Angst, Übelkeit oder Schmerz basieren immer auf den individuellen Angaben der Betroffenen – besonders letzterer kann zu einer deutlich reduzierten Lebensqualität führen. Bei Tumorpatienten etwa ist es unerlässlich, schnell, effektiv und ohne Wartezeit auf Schmerz zu reagieren. Das flexible Medium der Telemedizin ermöglicht es hier Patienten, unmittelbar Kontakt zu einem Versorger aufzunehmen, um konkrete Symptome zu schildern.

 


Über EPIC

Das zu Beginn des Jahres 2024 gestartete Projekt „Enhancing palliative care in ICU“ (EPIC) wird von der EU-Kommission für fünf Jahre mit rund 6,3 Millionen Euro gefördert. Mit EPIC möchten die Forschenden untersuchen, wie gut die palliativmedizinische Versorgung mit telemedizinischer Unterstützung von Patienten und Angehörigen wahr- und angenommen wird. Das Forschungskonsortium wird geleitet von Prof. Claudia Spies, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Campus Charité Mitte und am Campus Virchow-Klinikum. Die Förderung erfolgt durch das europäische Forschungsrahmenprogramm „Horizon Europe“.


 

Patienten-Empowerment und Unterstützung des Umfelds

Ein weiteres Ziel des Forschungsprojekts EPIC ist es, den Erkrankten zu vermitteln, dass ihre palliativmedizinische Behandlung in der Frühphase der Therapie auf der Intensivstation Behandlungsergebnisse verbessern und mehr Lebensqualität garantieren kann. Claudia Spies hebt die Patientenzufriedenheit hervor: „Entscheidungsfindung und Patienten-Empowerment sind hier zwei wichtige Faktoren. Hinzu kommt die Unterstützung des Umfelds – fühlen sich die Familienmitglieder gut informiert oder stehen sie eher hilflos am Bett des Erkrankten? Erleidet dieser etwa einen epileptischen Anfall, ist das für Angehörige im ersten Moment eine Überforderung. Sind sie aber über die Symptomkontrolle und den Verlauf eines solchen Ereignisses aufgeklärt, wirkt dies deutlich stressreduzierend.“ Auch erhoffen sich die Forschenden, mit ihrem Projekt die Liegedauer auf Intensivstationen zu verkürzen: Neben den gesundheitsökonomischen Vorteilen hätte dies vor allem für die Betroffenen einen unschätzbaren Wert. Claudia Spies: „Palliativmedizinisch optimal versorgte Patienten mit schweren, nicht heilbaren Erkrankungen verbringen ihre letzten Tage dann hoffentlich nicht – außer es gibt einen schwerwiegenden Grund – auf der Intensivstation.“

Dank EPIC soll nicht nur europaweit ein harmonisiertes Praxismodell für die Palliativversorgung auf Intensivstationen entstehen; idealerweise, so erhoffen es sich die Experten, gehen aus dem Projekt auch Handlungsempfehlungen für Fachgesellschaften hervor. Diese könnten dann in die Aus-, Fort- und Weiterbildung des multiprofessionellen intensivmedizinischen Nachwuchses einfließen. Gleichzeitig fänden die spezialisierten Informationen aus den palliativmedizinischen Bereichen als Best Practice auf den Intensivstationen Anwendung. Darüber hinaus ist es das Ziel, eine Patienten- und Angehörigengruppe zu etablieren, damit Betroffene Möglichkeiten zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung erhalten. Ohnehin sei Kommunikation laut Claudia Spies hier der Schlüssel: „Unsere Gesellschaft ist sehr darauf bedacht, die Phase rund um das Ende eines Lebens auszuklammern. Doch wir müssen diese Diskussion führen, um individuelle Wünsche Erkrankter und die ihrer Angehörigen zu erkennen, Trauerarbeit zu ermöglichen und den Zugang zu einer evidenzbasierten Palliativmedizin gewähren zu können.“   RT•

charite.de

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