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Reisetrolley

„Beim Urlaub geht es um das Gefühl einer heilen Welt”

Foto: © aanbetta - stock.adobe.com
Portratitfoto des Artikel-Autors Robert Targan
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min.Lesezeit

Corona, Krieg und Inflation haben in vielen Lebensbereichen ihre Spuren hinterlassen: So hat sich etwa auch das Reiseverhalten der Deutschen in den letzten Jahren merklich verändert. Gesichtspunkte wie Freiheit, Individualität und Sicherheit dürfen für viele mittlerweile bei der Reiseplanung nicht fehlen. Dadurch entstehen neue Gewohnheiten und Trends, wie eine aktuelle Tourismusanalyse zeigt.

Der Sommer 2023 wird der erste nach Ausbruch der Corona-Pandemie sein, der ohne größere Reisebeschränkungen auskommt. Kaum eine Branche litt so stark unter den Auswirkungen von COVID-19, wie es die Tourismusindustrie in den vergangenen drei Jahren tat. Klar ist mittlerweile, dass beim Buchungs- und Reiseverhalten der Deutschen neue Faktoren eine Rolle spielen – nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Denn die Krisenerfahrungen der vergangenen Monate und Jahre haben dafür gesorgt, dass bei nicht wenigen Menschen die Urlaubsplanung von einem verstärkten Bedürfnis nach Sicherheit gekennzeichnet ist. Zu diesem Schluss kommen auch Forschende der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen, die im Rahmen der 39. Deutschen Tourismusanalyse 2023 über 3.000 Personen ab 18 Jahren zum eigenen Reiseverhalten im Jahr 2022, zu den Urlaubsabsichten für 2023 sowie zur Bereitschaft, für und im Urlaub zu sparen, befragt haben. Der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Prof. Dr. Ulrich Reinhardt, verdeutlicht: „Sicherheit ist eine neue Grundvoraussetzung fürs Reisen. Entsprechend informieren sich die Bürger vorab über die Situation vor Ort und erwarten dort Ansprechpartner, die ihnen im Notfall helfen. Vergessen wir nie: Beim Urlaub geht es in erster Linie um das Gefühl einer heilen Welt – entsprechend erwarten wir Sorgenfreiheit, Unversehrtheit und Unbeschwertheit.” Ängste und Sorgen hätten da eben keinen Platz.

Nach einem Rekordtief im Jahr 2020 hat die Reisefrequenz der Deutschen mittlerweile wieder fast ihr Vor-Corona-Niveau erreicht; auch ist der 39. Deutschen Tourismusanalyse 2023 zu entnehmen, dass ebenso die Reisedauer wieder zugenommen hat. So befanden sich die Bundesbürger im Jahr 2022 ca. 13 Tage in ihrem Haupturlaub auf Reisen – das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von zwei Tagen. Die Lust aufs Reisen ist also wieder da, was nicht zuletzt mit einem hohen Anteil von Fernreisen zu begründen ist, die mit einem längeren Aufenthalt vor Ort einhergehen. „Eine Rolle spielt aber sicherlich auch das Nachholbedürfnis und das vorhandene Urlaubsbudget”, ist sich Reinhardt sicher. „Nach zwei Jahren des begrenzten Reisens wollen und können sich viele Bürger wieder einen etwas längeren Urlaub leisten.“ Und tatsächlich: Laut Erhebung der Stiftung für Zukunftsfragen befanden sich die Urlaubsausgaben 2022 auf einem Allzeithoch: Über 1.350 Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr durchschnittlich für ihren Haupturlaub aus, was im Falle einer vierköpfigen Familie knapp 5.500 Euro entsprach.

Kompromisse – auch mit Blick aufs Klima?

Längere Verweildauer und höhere Ausgaben fürs Reisen – wie passt das mit der Krisenstimmung zusammen, die das Jahr 2022 größtenteils dominierte? Das Zauberwort lautet „Kompromiss“: So gaben fast drei Viertel (73 %) der Teilnehmenden im Zuge der Tourismus-Befragung an, ihre Urlaubsausgaben vor Ort im Blick behalten zu wollen. Ulrich Reinhardt nennt Beispiele: „Gespart wird im, nicht am Urlaub. Die Mehrheit der Bundesbürger ist eher bereit, auf das ein oder andere Souvenir zu verzichten, einmal weniger ins Restaurant zu gehen, die Neben- statt die Hauptsaison als Reisezeit zu wählen oder sich für ein Reiseziel in einer günstigeren Destination zu entscheiden. Eine Verkürzung der Reisedauer, auf Ausflüge verzichten oder gar nicht verreisen, ist dagegen keine Option.“ Dies mache sich auch im Alltag bemerkbar, denn jeder Zweite sei hierzulande eher dazu bereit, Anschaffungen zu verschieben und weniger zu konsumieren, als den wohlverdienten Urlaub daheim zu verbringen.

Dieses Neudenken und der Hang zum Verzicht lassen eine weitere Frage aufkommen: Wie steht es um das Nachhaltigkeitsbewusstsein während der schönsten Zeit des Jahres? Hier machen die Experten leider (noch) keinen erkennbar positiven Trend aus. Während sich der Tourismus pandemiebedingt in vielerlei Hinsicht gewandelt hat, spielen Aspekte des Umweltschutzes für die deutschen Urlauber eine eher untergeordnete Rolle. „Nachhaltigkeit im Alltag und Nachhaltigkeit im Urlaub bleiben für viele zwei unterschiedliche Paar Schuhe“, weiß Ulrich Reinhardt. „Zwar ist der Klimawandel mit seinen zahlreichen negativen Auswirkungen mittlerweile in den Köpfen der meisten Bundesbürger angekommen, jedoch befassen sich die wenigsten mit dieser Thematik beim Sonnenbaden am Strand oder im Flieger.“ So würden zwar Sätze à la „Ich fahre doch im Alltag überwiegend mit dem Fahrrad, ich trenne meinen Müll und esse weniger Fleisch als früher“ das Gewissen beruhigen. Im Urlaub sehe das jedoch anders aus: „Da reicht es dann, wenn das Handtuch nicht täglich gewechselt wird oder die Unterkunft mit Nachhaltigkeit wirbt. Auf das gekühlte Zimmer, das Duschen nach jedem Sonnenbad, den leckeren Fleischspieß oder die schnelle Anreise mit dem Flieger wird bisher nur selten verzichtet.“ Bei der Buchung einer Reise hat das Kriterium der Nachhaltigkeit also weiterhin kaum Relevanz, was etwa an der ungebrochenen Beliebtheit von Kreuzfahrten, die eine schlechte Klimabilanz aufweisen, abzulesen ist.

Die Deutschen entdecken das Camping wieder

Und doch macht die Tourismusforschung Entwicklungen seit der Pandemie aus, die aufhorchen lassen. So werde sich insbesondere der Massentourismus verändern, da die Menschen auf der Suche nach neuen Erfahrungen, Begegnungen und positiven Emotionen seien. Bedürfnisse, die der gewöhnliche Pauschalurlaub nicht bieten könne. Ohne Frage locken nach Aufhebung der Reisebeschränkungen nun auch wieder Länder wie Spanien, Italien und Co. mit Sommer, Sonne, Strand und Meer. Doch Deutschland war, ist und bleibt das beliebteste Reiseziel der Deutschen. Eine Urlaubsvariante, die in den vergangenen Jahren zusehends wieder an Beliebtheit gewonnen hat, ist die des Campings. Handelt es sich hierbei um eine kurzfristige Erscheinung oder könnte sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen? Ulrich Reinhardt: „In der Tat scheint es so, als hätte Deutschland das Campen für sich wiederentdeckt. Immer mehr Bürger fasziniert dieses, und etwa jeder Zehnte hat Interesse an einem Campingurlaub. Besonders beliebt ist das Camping bei Familien mit Kindern: Etwa jede siebte Familie findet diese Art von Urlaub sehr attraktiv.“ Auch hier dürfte die Zeit der Pandemie mit geschlossenen Hotels und dem Gefühl von Sicherheit in den „eigenen vier Wänden“ ein gewisser Faktor sein. Allerdings sei laut Reinhardt auch schon zuvor der Wunsch nach mehr Natur, einem Individuellen Urlaub und Flexibilität erkennbar gewesen: „Wichtig zu berücksichtigen ist hierbei, dass Camping nicht mehr Zelt, Isomatte, Plumpsklo und Campingkocher heißt – die meisten Campingplätze gleichen eher Hotelanlagen mit Pool, sauberen Sanitäranlagen, Brötchenservice und Animation. Glamping, also die Mischung aus Glamour und Camping, verbreitet sich immer mehr.“

Festzuhalten ist: Die Reiseintensität ist 2022 im Vergleich zum Vorjahr wieder deutlich gestiegen. Die Stiftung für Zukunftsfragen kommt in ihrer aktuellen Tourismusanalyse zu dem Schluss, dass 2023 dahingehend zum Rekordjahr werden könnte: Weder die Situation in der Ukraine noch die Krisen im eigenen Land würden demnach die Reiseentschlossenheit der Mehrheit der Bundesbürger trüben. Dennoch wird sich die Branche in naher Zukunft auf die ein oder andere Herausforderung einstellen müssen, wie der Stiftungsleiter Ulrich Reinhardt resümiert: „Der demografische Wandel wird die Tourismusbranche prägen. Immer mehr Senioren sind unterwegs. Diese sind reiseerfahren und wollen deutlich mehr als die Busfahrt ans Nordkap und den Seniorenteller. Die Branche wäre gut beraten, die Angebote auf diese größer werdende Gruppe – die dazu noch finanzstark ist – zu verstärken. Vor Ort dürften weiche Faktoren wie Gastfreundschaft, Service, Authentizität aber auch Geselligkeit und Gemeinschaft wichtiger werden. Das Thema Bezahlbarkeit wird ebenfalls an Wichtigkeit gewinnen, hier erwarten wir mehr Buchungen im unteren Preissegment und wieder mehr 1-, 2- oder 3-Sterne-Angebote.“

stiftungfuerzukunftsfragen.de

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Ausgabe: 02/2023

Titelthema – Fernweh – Reisen, camping & Co.