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Mädchen im Kohlbeet mit Cherrytomate

Sprießende Ideen für mehr Wertschätzung

Foto: © Nadine Stenzel
Portratitfoto des Artikel-Autors Robert Targan
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min.Lesezeit

Tagesausflüge auf den Bauernhof sind spannend, lehrreich und bieten vor allem Kindern aus der Stadt vielseitige Einblicke. Doch lassen sich bei einem einmaligen Besuch landwirtschaftliche Prozesse in Gänze vermitteln? Aus den Wünschen, junge Menschen nachhaltig für die Herstellung von Lebensmitteln zu begeistern und gleichzeitig die Sensibilisierung für unsere Nahrung zu fördern, entstand im Jahr 2012 die GemüseAckerdemie. Das vom Berliner Verein Acker e. V. angebotene Bildungsprogramm unterstützt Schulen beim Betrieb eigener Anbauflächen – und macht so das Säen und Ernten von Gemüse erfahrbar.

Wo kommen eigentlich all die Lebensmittel her, die da täglich auf unseren Tellern landen? Unter welchen Bedingungen werden Obst und Gemüse angebaut und geerntet? Und wie entstehen aus kleinen Samen eines Tages knackige Möhren? Fragen, die nicht zwangsläufig zur Lebenswelt von Kindern zählen, erst recht nicht dann, wenn sie in städtischen Strukturen aufwachsen. Doch nicht nur in diesen Regionen mangelt es zusehends an Orten, die den Heranwachsenden grüne Landschaften erfahrbar näher bringen. In dieser fehlenden Naturverbundenheit sehen viele Expertinnen und Experten die Grundlage dafür, dass Kinder zu wenig Obst und Gemüse essen; fehlende körperliche Betätigung erhöht zudem das Risiko für Übergewicht. Wie wichtig aber die Wertschätzung für sämtliche Prozesse rund um das Säen, Ernten und Verarbeiten von Kartoffeln, Tomaten und Co. ist, zeigt diese Zahl: Jährlich landen hierzulande rund 12 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall.

Die genannten Entwicklungen sind auch den engagierten Mitgliedern der deutschlandweit agierenden GemüseAckerdemie bekannt. Das Bildungsprogramm wurde vor 10 Jahren mit der klaren Motivation ins Leben gerufen, bei Kindern im Alter zwischen 6 und 12 Jahren ein Bewusstsein für Landwirtschaft, Ernährung und Lebensmittel zu schaffen – obendrauf gibt’s jede Menge Bewegung an der frischen Luft. Rebecca Rank, ebenfalls in einer Großstadt aufgewachsen, ist für den Acker e. V. tätig, jener Verein, der hinter dem Bildungsprogramm steht. Sie verdeutlicht: „Wir nehmen jeden Tag Lebensmittel zu uns, daher sollte deren Produktion auch eine bedeutende Rolle in unserem Alltag einnehmen. Ursprungsidee war es daher, den Acker in den Alltag der Schulkinder zu integrieren, um ihnen von klein auf den Bezug zur Natur mit auf den Weg zu geben.” So startete das Projekt im Jahr 2012 mit einer ersten Pilotschule, die auf dem Schulgelände eine eigene Anbaufläche betrieb. Und wie das dortige Gemüse wuchs auch rasch das Projekt, sodass schon bald weitere Schulen hinzu kamen. Rebecca Rank blickt schmunzelnd auf die Anfangszeit zurück: „Ein junger Teilnehmer äußerte damals Zweifel daran, ob die Landwirtschaft ein passendes Umfeld für ihn darstelle – schließlich sei er doch Gamer und kein Bauer! Genau dieser Junge war nach drei Wochen eifrig involviert und später stolz, sein erstes Gemüse zu ernten.” Es ist exakt diese Grunderfahrung, die das Team der GemüseAckerdemie seit jeher antreibt: Auch bei anfänglicher Skepsis bewirken Mitmachen und gemeinschaftliches Erleben auf dem Acker schnell positive Effekte.

Zukunftsfähige Kompetenzen für Kinder

  Wer sich mit dem Programmablauf der GemüseAckerdemie befasst, bemerkt schnell, dass es das ganze Jahr etwas zu tun gibt: Von Februar bis April verläuft die Vorbereitungsphase, in der die betreuenden Lehrerinnen und Lehrer an ersten Fortbildungen teilnehmen und die Kinder sich im Unterricht dem Thema „Gemüseanbau” nähern. Gleichzeitig kümmern sich die Initiatorinnen und Initiatoren um die Saat- und Pflanzgutbestellung. Bis Oktober herrscht dann Action auf dem Acker! Während die Kinder pflanzen, pflegen und ernten erhalten die Pädagoginnen und Pädagogen wertvolle Informationen, Lehrmaterialien sowie einen regelmäßigen Newsletter mit Acker-To-Dos. Und auch im Herbst und Winter verlieren die jungen Teilnehmenden nicht den Bezug zu ihrer Aufgabe. Denn neben der gemeinsamen Rückschau auf die Saison wandert der Blick über den eigenen Acker hinaus: Wie gestaltet sich die Lebensmittelproduktion weltweit? Was bewirke ich mit meinem eigenen Handeln im Alltag? Kleine und größere Projekte überbrücken die Zeit, bis im Jahr darauf wieder die Ärmel hochgekrempelt werden. Rebecca Rank hebt hier die Sensibilisierung für Schwerpunkte wie Nachhaltigkeit, Klimawandel und Biodiversität hervor: „Wir bemerken immer wieder, dass diese Themen verstärkt an Relevanz gewinnen und ein gesellschaftliches Interesse vorhanden ist. Dennoch stellen wir im Rahmen der GemüseAckerdemie fest, dass mitunter ein gewisses Know-how für die Umsetzung fehlt. Da herrscht in der pädagogischen Ausbildung durchaus noch Nachholbedarf.” Doch der Wunsch, den Kindern zukunftsfähige Kompetenzen mit auf den Weg geben zu können, stehe jederzeit im Mittelpunkt. Entsprechend groß sei das Interesse am Bildungsprogramm.  

Dies belegt auch die folgende Zahl: Erst kürzlich wurde bei den realisierten Lernorten die 1000er-Marke geknackt; nicht nur in Deutschland sondern auch in der Schweiz, in Österreich und Liechtenstein wird längst erfolgreich geackert. Dafür wurde die praxisnahe Wissensvermittlung bereits mehrere Male ausgezeichnet, etwa mit dem „Zu gut für die Tonne!-Bundespreis” im Jahr 2019 – damit zeichnet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft jährlich Initiativen aus, die sich für eine Reduzierung der Lebensmittelverschwendung einsetzen. Mit Christoph Biemann, bekannt aus der „Sendung mit der Maus”, konnte zudem ein prominenter AckerBotschafter gewonnen werden. Als Schirmherr unterstützt der Autor, Regisseur und Darsteller die GemüseAckerdemie dabei, Kindern neue Horizonte zu eröffnen.      

Fehlende Wertschätzung überwinden

Um die Effekte des gemeinsamen Pflanzens, Mulchens und Erntens aufzuzeigen, hat das Team der GemüseAckerdemie neun Wirkungsfelder zusammengefasst, die für die teilnehmenden Jungen und Mädchen ein Entwicklungspotential bereithalten: Ernährung, Wissen, Naturbezug, Wertschätzung, Teamwork, Verantwortungsbewusstsein, Selbstwirksamkeit, Bewegung und Begeisterung. Rebecca Rank ergänzt: „Betrachtet man die hohe Zahl an Lebensmitteln, die in Deutschland im Müll landen, lässt sich sagen, dass wir das Problem an der Wurzel packen. Denn die fehlende Achtung kann nur per Herstellung eines Bezugs zu unserer Nahrung überwunden werden. Wer nicht weiß, wie viel Arbeit hinter dem Großziehen eines Radieschens steht, schmeißt es schon mal unbedacht in den Abfall – im Supermarkt kostet das Bund ja lediglich 50 Cent.” Im Rahmen der GemüseAckerdemie lernen Kinder jedoch genau diesen Wert eines jeden Lebensmittels kennen. Existiert zu Beginn des Ackerjahres vielleicht noch Zurückhaltung bei der Arbeit inmitten eines erdigen Beets, werden später bei der Ernte stolz die ausgebuddelten Kartoffeln präsentiert. „Da kommt eine richtige Goldgräber-Atmosphäre auf”, freut sich Rebecca Rank.

Voller Zuversicht blickt man nun der anstehenden Saison 2022 entgegen – während viele Kultur- und Bildungsprogramme für junge Menschen unter den Einschränkungen der Coronapandemie litten oder weiterhin leiden, lässt sich das Säen und Ernten an der frischen Luft bestens umsetzen. Vielmehr noch: Die gemeinsame Arbeit auf dem Acker stelle für alle Beteiligten einen willkommenen Ausgleich dar, wie Rebecca Rank mit Blick auf die vergangenen zwei Jahre berichtet: „Von den Lehrerinnen und Lehrern haben wir tolle Rückmeldungen erhalten, da sie beispielsweise die stressige Umsetzung einer Notbetreuung nach draußen verlegen konnten – auch ein klassenübergreifendes Ackern ist möglich. An den verschiedenen Lernorten wurden zudem schnell Möglichkeiten geschaffen, um auch weitere Familienmitglieder mit einzubinden.” Nicht nur dieser Ansatz zeigt: Vom Wissen rund um ökologische Zusammenhänge sowie die Lebensmittelproduktion profitieren kleine und große Mitglieder unserer Gesellschaft gleichermaßen.

acker.co/gemueseackerdemie

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