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Luftbild: Turmspringer springt von Sprungturm, Wälder, Felder und ein See mit Publikum am Rand sind im Hintergrund sichtbar

„Zu viel Grübelei hätte mich nur verrückt gemacht“

Das Leben geht weiter: Nur wenige Wochen nach seiner Diagnose zog es Patrick Arendt wieder auf ein Sprunggerüst. Foto: © Martin Kozak
Portratitfoto des Artikel-Autors Robert Targan
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min.Lesezeit

Für den begeisterten Sportler und High Diver Patrick Arendt war es ein tiefer Einschnitt, als er im Alter von 28 Jahren die Diagnose „Multiple Sklerose“ (MS) erhielt. Im Zuge der Autoimmunerkrankung wird die elektrisch isolierende äußere Schicht der Nervenfasern im Zentralnervensystem angegriffen. Heute, rund vier Jahre später, hat Arendt gelernt, sein Leben mit MS zu meistern – anderen Betroffenen macht er Mut.

Leben mit Multipler Sklerose

Je nachdem, wo das eigene Immunsystem die sogenannte Myelinschicht angreift, leiden an MS Erkrankte unter ganz unterschiedlichen Einschränkungen, die in Dauer und Intensität voneinander abweichen. Die Beschwerden vollziehen sich zudem eher nicht kontinuierlich, sondern treten in Schüben auf. In Deutschland sind gegenwärtig rund 220.000 bis 250.000 Menschen an MS erkrankt. Die MS-Inzidenz, also die Anzahl an Menschen, die in einem Jahr neu erkrankt, ist im Westen mit 19 versus 15 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner um etwa ein Viertel höher als im Osten. Weltweit geht man davon aus, dass es ca. 2,5 Millionen MS-Erkrankte gibt (Quelle: Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V.). Da die MS aufgrund ihrer unterschiedlichen Verlaufsformen auch „Krankheit mit 1000 Gesichtern“ genannt wird, bietet sich die Frage an, wie Patrick Arendt die Züge seiner Erkrankung umschreiben würde. „Jede Betroffene,
jeder Betroffene sollte sich tatsächlich ihr oder sein eigenes Gesicht zu der Krankheit machen. In meinem Fall würde ich durchaus von einem schönen Gesicht sprechen, denn ich habe zwar die Krankheit, doch ich kann damit weiterhin verdammt gut leben. Das gedenke ich auch weiterhin zu tun, trotz der Gewissheit, dass der künftige Krankheitsverlauf nicht vorhersehbar ist.“ Neben all dieser Zuversicht gewährt der in Sachsen-Anhalt geborene Arendt aber auch einen Blick zurück. Zurück auf den Tag im Jahr 2016, an dem er mit dem Fahrrad unterwegs war und von einem Moment auf den anderen alles doppelt sah: „Ich konnte plötzlich mit dem rechten Auge Straßennahmen und Nummernschilder nur noch verschwommen erkennen. Statt zu meiner Frühstücksverabredung ging es also zur Augenärztin – deren Untersuchungen ergaben jedoch keine Auffälligkeiten, sodass sie mir den Gang zum Neurologen empfahl. Und dort startete dann der Diagnoseprozess, an dessen Ende der Befund »Multiple Sklerose« stand.“ Für seinen Gemütszustand in den ersten Tagen und Wochen der Gewissheit findet Patrick Arendt eine Umschreibung, die keinerlei Fragen offenlässt: „richtig beschissen!“ Um die positive Grundeinstellung, die der begeisterte Klippenspringer und High Diver heute an den Tag legt, zu erreichen, brauchte es folglich einen langen Weg. 

Dass nicht alle Betroffenen mit der neurologischen Erkrankung und den damit einhergehenden Beeinträchtigungen so stabil umgehen können, darüber ist sich der heute 32-Jährige im Klaren. Bekannt ist: Je länger eine Multiple Sklerose andauert, desto schlechter verarbeitet der Körper die Entzündungsschübe. Gliedmaßen können dauerhaft kribbeln und gar taub werden; steife Muskeln, permanente Erschöpfung oder Probleme beim Sprechen sind weitere mögliche Einschränkungen. Da erscheint Patrick Arendts Krankheitsverlauf laut Eigenaussage als verhältnismäßig mild. Auch hat er sich noch nie die Frage gestellt, ob Faktoren wie Lebenswandel, Umwelt oder genetische Veranlagung einen Einfluss auf sein Erkranken gehabt haben könnten: „An dem Punkt, an dem die Krankheit in dein Leben tritt, ist es egal, weshalb sie das tut – sie ist dann nun mal da. Ich hatte keinerlei Bedürfnis, nach den Gründen zu forschen. Zu viel Grübelei hätte mich damals nur verrückt gemacht.“

Wann kommt der nächste Schub?

Mitunter bringt die Multiple Sklerose schwere Verläufe mit sich, wenn etwa bereits im Kindesalter erste Beschwerden auftreten und Betroffene schon früh in ihrem Leben eingeschränkt sind. Am häufigsten leiden MS-Patientinnen und -Patienten allerdings am schubförmigen Typus. Dabei treten Symptome meist sehr kurzfristig auf, klingen nach einigen Tagen oder auch Wochen wieder ab, nicht selten ohne bleibende Schäden. Neben der anfänglichen, dreimonatigen Doppelsichtigkeit war Patrick Arendt vorerst schubfrei, doch dann begann es in Armen und Beinen zu kribbeln. „Als würden dir unzählige Ameisen über die Haut laufen! Heute verspüre ich eher ein leichtes Dauerkribbeln, doch im Anfangsstadium trat dieses Gefühl so stark auf, dass ich mich augenblicklich hinsetzen oder -legen musste.“ Bei aller Ungewissheit, ob und wann sich ein nächster Schub ereignen kann, bewahrt er aber auch hier die Ruhe und bezeichnet die MS als eine „Hätte-Wäre-Konjunktiv-Krankheit“ – die Multiple Sklerose müsse mit ihm leben, nicht er mit ihr.

Zur Eindämmung eines aktiven Schubs hat sich Arendt für eine entzündungshemmende Kortison-Behandlung entschieden, stets in sorgfältiger Rücksprache mit seinem Neurologen. Ohnehin konnte die Medizin in den vergangenen Dekaden große Fortschritte machen – während sich vor 30 Jahren noch die Assoziation „MS = Rollstuhl“ hielt, ist heute dank passender Therapie ein halbwegs normales Leben durchaus möglich. Bester Beweis ist Patrick Arendt, der sich von Hausdächern, Gerüsten, Baukränen oder eben echten Klippen ins kühle Nass stürzt. Ob in Venezuela, Taiwan, Kroatien, Bali oder China: Das Springen ist und bleibt seine Passion. Er blickt zurück: „Ich bin am 30. Mai 2016 diagnostiziert worden – am 1. Juli des selben Jahres bin ich in der Schweiz vor 40.000 Menschen von einem 20 Meter hohen Gerüst gesprungen. Da habe ich am eigenen Körper gespürt, dass mein Leben, mein Sport, auch mit der MS weitergeht.“ Und die Forschung gibt Arendt recht: Galten Sport und Bewegung vor einigen Jahren noch als Überforderung und sollten sie von MS-Patientinnen und -Patienten möglichst vermieden werden, hat sich die Meinungslage unter Experten gewandelt. Eine dem Leistungsvermögen angepasste sportliche Betätigung wird empfohlen. Dabei gilt es allerdings, körperliche Grenzen jederzeit zu berücksichtigen.

Multiple Sklerose und Social Media

Neben dem Sport geht Patrick Arendt einer weiteren Leidenschaft nach, die ihn – und auch andere Betroffene – in der Krankheit stärkt. Der gelernte Kameramann gewährt im Netz per Instagram, Blog und YouTube-Kanal Einblicke in sein Leben mit Multipler Sklerose. Als Follower erlebt man den Protagonisten bei der Kortison-Behandlung, erhält Tipps zum Reisen mit MS-Medikamenten oder klickt sich durch kurze Clips, in denen Arendt zu Themen wie „Schwerbehinderungsantrag“ oder „ärztliche Bescheinigung der Tauchfähigkeit“ informiert. „Jeder Neuerkrankte stellt sich in etwa die selben Fragen, daher versuche ich, mich auf eine lockere und entspannte Art und Weise der Thematik zu nähern“, so die Motivation. Gleichzeitig gilt es, Hemmschwellen, Vorurteile und Irrtümer zu beseitigen.  

Die MS-Forschung wird in Zukunft nicht stillstehen, sodass sich auch der Personenkreis, der mit schwereren Verläufen zu kämpfen hat, Hoffnung auf erfolgreiche Medikamente und Therapien machen darf. Patrick Arendt findet, dass eine umfangreiche Aufklärung fürs eigene Wohlergehen nicht hoch genug einzuschätzen ist. Gleichzeitig weiß er um mögliche Folgeschäden und eine etwaige Zunahme der Einschränkungen durch MS im Alter. Doch er lebt im Hier und Jetzt: „Der wichtigste Tag meines Lebens ist heute. Denke ich an die Klippenspringer-Saison im nächsten Sommer, frage ich mich nicht, ob ich dann eventuell einen Schub erleben könnte. Vielmehr beschäftige ich mich damit, wie ich meine Zukunft gestalten möchte und welche Wege dahin führen.“

Patrick Arendt im Netz:
Instagram und YouTube
Podcast: Eyeofpatrick – Multiple Sklerose und Extremsport
Website: eyeofpatrick.com

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