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Junge sitzt vor Monitor mit Kopfhörern

„Die Patienten nehmen immer weniger am realen Leben teil”

Abtauchen in virtuelle Welten: Bei einem exzessiven Konsum von Computerspielen treten Suchtsymptome und Abhängigkeitserscheinungen auf. Foto: © m.mphoto - stock.adobe.com
Portratitfoto des Artikel-Autors Robert Targan
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min.Lesezeit

Stundenlanges Zocken an der Spielkonsole und ein Abtauchen in virtuelle Welten: Bei exzessivem Computerspiel- und Internetkonsum drohen soziale Kontakte und einstige Interessen Betroffener in den Hintergrund zu geraten. Beim Versuch, auf Online-Rollenspiele, Browsergames und Co. zu verzichten, entwickeln sie zudem nicht selten Entzugserscheinungen wie Unruhe oder Gereiztheit. Der Diplom-Psychologe Dr. Klaus Wölfling leitet die Ambulanz für Spielsucht an der Universitätsklinik Mainz – im Gespräch nennt er markante Suchtsymptome und zeigt Wege hin zur Abstinenzfähigkeit auf.

Das Angebot der Ambulanz für Spielsucht richtet sich an Patienten, die unzählige Stunden vor der Spielkonsole verbringen: Lassen sich Anzeichen dafür nennen, ab welchem Zeitpunkt eine Unterstützung notwendig ist?

Dr. Klaus Wölfling: Ist noch eine Kontrollfähigkeit der betroffenen Person erhalten, kommt eine Beratung infrage. Das lässt sich gut testen: Hält jemand eine gewisse Abstinenzzeit aus, zum Beispiel sieben Tage infolge, lässt sich idealerweise der Konsum bremsen oder reduzieren. Ist solch eine Steuerungsfunktion allerdings nicht mehr gegeben, benötigen die Betroffenen therapeutische Unterstützung. Denn da hält eine Abstinenz dann nur noch maximal ein bis zwei Tage an.

Was ist unter „exzessivem Spielen” und dem „Abtauchen in virtuelle Welten” zu verstehen – lässt sich das beispielsweise in Stunden pro Tag beziffern?

Da sprechen wir von einem Computerspielkonsum, der sich zwischen acht und zehn Stunden pro Tag bewegt. Diese Nutzungszeiten korrelieren stark mit bestimmten Suchtsymptomen, müssen diese jedoch nicht zwangsläufig auslösen. Wer etwa in seinen Semesterferien acht Stunden am Tag zockt, ist nicht automatisch süchtig. Solche Stundenzahlen sind also für einen bestimmten Zeitraum tolerierbar – allerdings nicht längerfristig. Aus diesem Grunde sind Suchtsymptome über einen Zeitraum von mindestens zwölf Monaten zu beobachten.

Entzugssymptomatik, erfolglose Abstinenzversuche, Vernachlässigung des Alltags – da fallen Ähnlichkeiten zu anderen Suchtverhalten auf …

In der Therapie ziehen wir diese Vergleiche zu anderen Substanzabhängigkeiten durchaus. Wichtiger ist es jedoch, dem Patienten zu verdeutlichen, dass ein Suchtschema besteht. Dass verschiedene Verhaltensweisen unter dem Suchtaspekt subsumiert werden, auch mit Blick auf die Psyche. Da sprechen wir von Selbstbetrug und falschen Vorstellungen bezüglich bestimmter Sachverhalte. Der süchtige Patient, der sich sagt, dass 30 Minuten an der Konsole durchaus drin sind und ihm nicht schaden, macht schnell die Erfahrung, dass er dies nicht tolerieren kann und in bekannte Verhaltensmuster abgleitet. Da findet eine Verzerrung statt, die dem Betroffenen vorgaukelt, sicherer zu sein, als er tatsächlich ist.

Welche negativen Konsequenzen kann ein exzessiver Konsum begünstigen? Wie steht es um körperliche Symptome und gesundheitliche Folgen?

Da verschiebt sich zum Beispiel der zirkadiane Rhythmus – Schlaf-, Tag- und Nachtzeiten geraten durcheinander. Eine innere Unruhe wirkt sich negativ auf die Tiefschlafphase aus. Es schleicht sich eine gewisse Motivationslosigkeit ein, da die Patienten immer weniger am realen Leben teilnehmen und Verstärkung im virtuellen Bereich suchen. Auch können wir anhand von Tests nachweisen, dass Konzentrationsprobleme auftreten. In manchen Fällen leidet zudem das Essverhalten: Da sprechen wir von Unterernährung, aber vor allem auch von einer Fettleibigkeit, begünstigt durch den Rückgriff auf Junkfood.    

Welche Beobachtungen haben Sie in den vergangenen drei Jahren gemacht? Wie sind Ihre Patienten mit der Corona-Situation umgegangen?

Es war nicht der Fall, dass uns bedeutend mehr Menschen mit Anzeichen einer Computerspielsucht aufgesucht haben. Aber: Die, die uns nach der Lockdown-Phase konsultiert haben, waren und sind schwieriger zu behandeln, da sich ihre Abhängigkeit länger entwickelt hat. Zudem suchen uns seit dem Jahr 2020 neue Patientengruppen auf, es erfolgte eine Verschiebung hin zu den Erwachsenen. Menschen, die mitten im Leben stehen, und im Homeoffice-Bereich nun beispielsweise eine Glücksspiel-, Pornografie- oder Chat-Sucht entwickelt haben. Bei der typischen Computerspielsucht sind die Zahlen tatsächlich gleich geblieben.

Was können Eltern betroffener Kinder und Jugendlicher beachten? Lassen sich erste Warnzeichen für eine beginnende Computerspielsucht nennen?

Natürlich ist es eine normale jugendliche Entwicklungsaufgabe, sich mit sich selbst zu beschäftigen und von den Eltern abzulösen. Wenn jedoch ein verstärkter Rückzug stattfindet und der Kontakt zusehends verloren geht, kann dies ein Indiz dafür sein, dass sich ein Kind vermehrt im virtuellen Bereich bewegt und gleichzeitig andere Interessen und auch Freundschaften vernachlässigt.

Wie darf man sich die entsprechende Behandlung vorstellen? Wann ist eine ambulante Therapie angezeigt, wann eine stationäre?

Das ist eine klinische Entscheidung. Häufig versuchen wir, eine ambulante Therapie durchzuführen, merken in deren Verlauf aber, dass dies nicht ausreicht. Da spielt für die Orientierung erneut die jeweilige Abstinenzfähigkeit eine große Rolle: Gelingt es einem Patienten, innerhalb eines Zeitraums von drei bis vier Wochen solch eine Fähigkeit zu entwickeln, spricht dies gegen eine stationäre Therapie. Auf der anderen Seiten sehen wir allerdings, dass nicht wenige Betroffene einen massiven Spieldruck an den Tag legen – dann ist ein starker Entzug notwendig, der sich über die stationäre Therapie entwickelt. Diese verläuft über einen Zeitraum von mindestens sechs Wochen, in denen die Patienten auch ihre Spielkonsolen abgeben. Das ist im Therapievertrag geregelt.

Parallelen zu anderen Suchtverhalten kamen bereits zur Sprache: Welche Entzugserscheinungen können während einer therapeutischen Begleitung auftreten?

In der Therapie legen wir Wert darauf, dass die Patienten lernen, zwischen physischen und psychischen Entzugssymptomen zu unterscheiden. Während erstere sich etwa in Schlaflosigkeit und Unruhe äußern, sehen wir im anderen Fall depressive Verstimmungen, Gefühle der Einsamkeit und Langeweile oder auch eine anhaltende Gereiztheit. Da ist es wichtig, Alternativen aufzuzeigen oder an einstige Hobbys anzuknüpfen. Gemeinsam mit dem Patienten erarbeiten wir die Dinge, die ihm vor oder auch während der Sucht verlorengegangen sind. Manche Betroffene sprechen da von Kreativität, sozialer Anerkennung oder dem Wunsch nach einer Partnerschaft. Andere wiederum äußern ein Autonomiebestreben, sie möchten zuhause ausziehen. Wünsche, die durchaus existieren, jedoch durch die Spielsucht nicht mehr angesprochen wurden.

Mediennutzung findet heute bereits in jungen Jahren statt – welche Herausforderungen sehen Sie in dieser Entwicklung?

Ein Blick in die Zukunft ist da nie ganz einfach. Der Gedanke, dass die immer frühere Mediennutzung verstärkt auch eine Sucht begünstigen kann, liegt zwar nahe – lässt sich aber anhand aktueller Behandlungszahlen nicht bestätigen. Vielmehr ist es so, dass sich die Therapie immer anspruchsvoller gestaltet: Je früher eine Internet- oder Computerspielsucht beginnt, desto schwieriger die Gegenkonditionierung. Wir sehen die Problematik also nicht in der Breite, sondern vielmehr in der stärkeren Chronifizierung sowie in der Abspeicherung der entsprechenden Suchtschleifen. Gleichzeitig beobachten wir, dass die Mitglieder jüngerer Alterskohorten routinierter mit digitalen Medien und Spielen umgehen, da sie nicht blind in solch ein Online-Rollenspiel hineingehen, sondern durchaus eine Idee vom Suchtpotential haben.


Ambulanz für Spielsucht der Universitätsklinik Mainz

Dr. sc. hum. Dipl.-Psych. Klaus Wölfling leitet die Ambulanz für Spielsucht an der Universitätsklinik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Diese hält neben der Therapie des Pathologischen Glücksspiels seit dem Jahr 2008 als erste Ambulanz in Deutschland ein gruppentherapeutisches Angebot für das Störungsbild Computerspiel- bzw. Internetsucht bereit. Neben einer ambulanten Gruppentherapie für Computerspiel- und Internetsucht bietet die Ambulanz auch Beratungsgespräche für erwachsene Angehörige von Glücks- und Computerspielsüchtigen an.

unimedizin-mainz.de/psychosomatik

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