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Die Kraft von Optimismus und Zuversicht

Die Kraft von Optimismus und Zuversicht

Foto: Pikselstock (stock.adobe.com)
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min. Lesezeit

Wirken sich positive Erwartungen an die Zukunft förderlich auf unsere Gesundheit aus? Und welchen Einfluss haben pessimistische Gedanken langfristig auf die menschliche Psyche? In der Wissenschaft und Medizin ist man sich einig, dass eine optimistische Lebensweise das Wohlbefinden steigert und zugleich den Umgang mit Krisen und Herausforderungen erleichtert. Lesen Sie hier, was das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bewirkt und wie sich negative Denkmuster aufbrechen lassen. 

 

Kann positives Denken das Immunsystem stärken?

Wer optimistisch und mit aussichtsreichen Erwartungen durchs Leben geht, besitzt eine größere Chance, alt zu werden. So lautet jedenfalls das Fazit einer US-amerikanischen Langzeitbeobachtung von 70.000 Personen, die an der Medizinischen Hochschule in Boston durchgeführt wurde. Konkret: Die Lebenserwartung der teilnehmenden Optimistinnen und Optimisten lag rund zehn Prozent über jener der pessimistisch eingestellten Menschen. Die Wahrscheinlichkeit, 85 Jahre alt oder älter zu werden, sei den Forschenden zufolge bei Personen mit positivem Gemüt merklich höher. Doch woran liegt das? Eine Erklärung könnte sein, dass positive Erwartungen an die Zukunft eine wichtige psychologische Ressource darstellen: Wer sich im Leben weniger sorgt, weist idealerweise einen niedrigeren Blutdruck auf, leidet seltener unter Schlafstörungen und erfreut sich eines stärkeren Immunsystems. Hinzu kommen entsprechende Strategien, um psychische Stresssituationen (wie etwa Prüfungen) leichter zu meistern. Und auch diese Tatsache könnte eine Rolle spielen: Laut Statistiken leben optimistische Menschen allgemein gesünder, indem sie auf viel Bewegung achten, weniger rauchen und trinken und ihr Gewicht im Auge behalten. 

 

Was bewirkt eine optimistische Lebenseinstellung darüber hinaus?

Wie eng Optimismus, Vertrauen in die Zukunft und eine individuelle gesundheitliche Verfassung miteinander verknüpft sind, hat kürzlich auch die baden-württembergische Studie „Einsamkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt” gezeigt, die in Kooperation zwischen dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg und der Bertelsmann Stiftung entstanden ist. Eine Erkenntnis der Erhebung ist, dass Einsamkeitserfahrungen weniger mit geografischen, sondern vor allem mit sozialen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Faktoren zusammenhängen. Menschen mit einer positiven Lebenseinstellung würden sich demnach seltener einsam fühlen – unabhängig vom Alter. „Die Studie zeigt: Einsamkeit ist kein individuelles Problem, sondern betrifft die Gesellschaft in ihrer Breite”, so Manfred Lucha, Minister für Soziales, Gesundheit und Integration in Baden-Württemberg. „Wir müssen die strukturellen Gründe für zunehmende Einsamkeit stärker in den Blick nehmen und das Thema gleichzeitig enttabuisieren.“ Die Studie empfiehlt, Resilienz, psychische Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe gezielt zu fördern.

 

Sind positive Denkmuster trainierbar?

Wer seinen Pessimismus ablegen möchte, sollte sich bewusst machen, was genau hinter den negativen Gedanken steckt: Wie steht es beispielsweise um das Selbstbewusstsein oder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten? Nur wer an der eigenen Selbstwirksamkeit arbeitet, kann Ängste überwinden und sein Können künftig positiver erleben. Dies lässt sich bereits mit kleineren Aufgaben und Projekten im Alltag bewältigen, etwa durch das Lösen eines Problems auf der Arbeit oder beim Ausprobieren neuer Kochrezepte. Für das Beenden des sinnlosen Kreisens um die immer gleichen Gedanken ist es ratsam, sich mit sozialen Kontakten oder Hobbys abzulenken, auf Stoppsignale zurückzugreifen (verbal oder per Imagination), die eigenen Überlegungen zu verschriftlichen oder eine festgelegte „Grübelzeit“ à zehn Minuten pro Tag einzulegen. Anspruchsvoller wird es allerdings, wenn eine dauerhafte depressive Verstimmung vorliegt: Dann ist es Betroffenen kaum möglich, Dinge realistisch einzuschätzen, leiden sie doch unter einer verzerrten Wahrnehmung. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie erlernen die Patienten Strategien, um mit erschwerenden Gedanken und negativen Lebenserfahrungen besser umgehen zu können.

 

Fördert positives Denken die psychische Widerstandskraft?

Erfreuen sich Menschen einer besseren Gesundheit, weil sie optimistisch sind – oder besitzen gesunde Menschen andersherum gefragt schlichtweg mehr Gründe, positiv gestimmt in die Zukunft zu blicken? In beiden Fragen dieser Henne-Ei-Problematik steckt wohl ein gutes Stück Wahrheit. Klar ist: Der unbekümmerte Blick nach vorn stellt einen wichtigen Pfeiler für Resilienz und psychische Stärke dar. Wer seine Zukunft lösungsorientiert angeht, lässt sich von Krisen nicht allzu sehr beeindrucken und steht nach Rückschlägen schneller wieder auf. Dieser „optimistische Realismus” bezieht Fakten mit ein und basiert auf Fragen wie „Was kann ich von dieser Herausforderung lernen?” oder „Welche guten Dinge nehme ich aus der Situation mit?” Dabei lenkt das positive Denken den Fokus weg von den Problemen und hin auf das, was möglich ist. Gedanken à la „Ich tauge nichts” spielen für resiliente Menschen bei Misserfolgen keine Rolle – vielmehr richten sie ihren Blick auf die nächste Chance, um es dann besser zu machen.        

 

Ist Optimismus im Gehirn sichtbar?

Dass positive Erwartungen an die Zukunft förderlich für die körperliche Gesundheit sind, soll sich sogar im Gehirn zeigen. Laut einer Studie der japanischen Kobe Universität weisen die Gehirne von Optimisten ähnliche neuronale Muster auf, wenn sie bevorstehende Ereignisse imaginieren. Ein Fazit des Autorenteams um den Psychologen Dr. Kuniaki Yanagisawa lautet daher, dass positiv eingestellte Menschen eher auf einer Wellenlänge liegen und somit auch als geselliger gelten. Soll sagen: Gemeinsame Visionen rund um eine aussichtsreiche Zukunft erleichtern auch die soziale Interaktion. Im Rahmen der Untersuchung hatten Wissenschaftler aus den Bereichen Sozialpsychologie und Kognitive Neurowissenschaft 87 Probanden angeleitet, sich unterschiedliche Szenarien der Zukunft vorzustellen. Sowohl Pessimisten als auch Optimisten befanden sich unter den Teilnehmenden. Die mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (MRT) aufgezeichneten Gehirnaktivitäten ermöglichten es den Wissenschaftlern, die Zukunftsvorstellungen der Testpersonen als Muster neuronaler Aktivität zu identifizieren. Während diese bei den ausgewiesenen Pessimisten stark variierten, zeigten sich bei den Probanden mit positiver Lebenseinstellung einheitliche neuronale Muster. Daraus schlossen die japanischen Wissenschaftler zudem, dass optimistische Menschen bevorstehende positive Ereignisse lebhafter und als eher bald eintreffend einschätzen.  

 

Machen negative Gedanken krank?

Ärger, Stress und schlechte Laune: Jeder kennt diese Tage. Kritisch wird es, wenn negatives Denken im Alltag überhand nimmt, sich das Gehirn vornehmlich auf Gefühle wie Angst oder Wut konzentriert und sämtliche Handlungsalternativen ausgeblendet werden. Wer blind für Positives ist und ständig negative Signale an seinen Körper sendet, fördert die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Je länger der Cortisolspiegel hochgehalten wird, desto höher das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Depressionen oder Burnout. Zudem schwächt chronischer Stress die Immunabwehr, was Betroffene anfälliger für Infekte macht. Auch das sogenannte pathologische Grübeln – also ein anhaltender Denkprozess ohne Endpunkt – kommt als auslösender Faktor für Depressionen infrage: Was hätte ich besser machen können? Habe ich einen Fehler gemacht? Wie denken andere über mich? Wer negative und pessimistische Gedanken wiederholt durchspielt, verringert seinen Selbstwert und ebnet einem erhöhten Blutdruck und Stress den Weg. Um körperliche und seelische Schäden zu vermeiden, ist es daher wichtig, Warnsignale zu erkennen und sich rechtzeitig mit negativen Gedanken auseinanderzusetzen.  

 

Wie lassen sich negative Gedanken stoppen?

Es wäre wohl zu kurz gedacht, Optimismus als die Fähigkeit, negative Ereignisse positiv umzudeuten, zu bezeichnen. Allerdings scheint es Optimisten eher möglich zu sein, sich von negativen Erfahrungen emotional zu distanzieren. Doch wie kann es gelingen, lähmendes Grübeln und ewiges Gedankenkreisen abzuschalten und frohen Mutes in die Zukunft zu blicken? Psychologen raten dazu, Dinge, die ohnehin nicht mehr zu ändern sind, auch als solche hinzunehmen. Mit diesem Loslassen und dem Annehmen einer Situation stellen sich idealerweise Gelassenheit und Zufriedenheit ein. Dass die Akzeptanz gewisser Herausforderungen nicht immer einfach ist, steht dabei außer Frage: Sie kann aber in einem nächsten Schritt dazu führen, dass Betroffene ihr Gedankenkarussell stoppen und sich nur auf das konzentrieren, was sich auch aktiv ändern lässt. Neben der Bewertung der eigenen persönlichen Situation entscheiden übrigens auch genetische Veranlagungen und frühkindliche Prägungen darüber, ob jemand eher positiv oder negativ durchs Leben geht. Umso mehr sollte es für pessimistische Menschen daher das Ziel sein, Herr über die eigenen Gedanken zu werden. 

 

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