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„Klischees über die Psychiatrie halten Betroffene davon ab, sich zeitnah Hilfe zu suchen“

„Klischees über die Psychiatrie halten Betroffene davon ab, sich zeitnah Hilfe zu suchen“

Foto: Prostock-studio - stock.adobe.com
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min. Lesezeit

Vorurteile und Stereotype rund um den Alltag in einer Psychiatrie gibt es viele: dunkle Gänge, Zwangsmaßnahmen, weggesperrte Menschen. Dass solch starre Bilder realitätsfern und längst überholt sind, zeichnet die Reportage „Akutstation Psychiatrie“ des Hessischen Rundfunks eindrucksvoll nach: In zwei Staffeln à fünf Folgen porträtiert die Doku-Serie die Arbeit der leitenden Oberärztin Barbara Jost und ihres Teams in den Kreiskliniken Groß-Umstadt und liefert dabei authentisch-berührende Einblicke. Im Interview mit PVS einblick stellt Barbara Jost fest: „In meinem Beruf erlebe ich Tag für Tag ganz viel Stärke, Lebensmut sowie die Fähigkeit, Vertrauen zu schenken.“

 

Die psychiatrische Versorgung hat sich hierzulande über die Jahrzehnte stark gewandelt – können Sie diese Entwicklung ein wenig nachzeichnen?

Barbara Jost: Ein Paukenschlag in der Behandlung war der Bericht der Enquête-Kommission des deutschen Bundestages 1975. Damals wurde über einen Zeitraum von vier Jahren die Versorgungsrealität untersucht – und diese war zu jener Zeit tatsächlich grauenhaft. Standard waren große Landeskrankenhäuser mit über 1.000 Betten, in denen sowohl Patienten mit einer psychischen Erkrankung, als auch Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung behandelt worden sind. Da sprechen wir von vollbelegten Schlafsälen und teils jahrelangen Verweildauern – hunderte Kilometer entfernt von den Wohnorten der Patienten. Nach dem alarmierenden Bericht der Psychiatrie-Enquête hat sich dieses System grundlegend gewandelt.

 

Inwiefern?

Zum einen gab es damals die Forderung nach einer heimatnahen Versorgung, sodass in der darauffolgenden Zeit viele kleine psychiatrische Krankenhäuser entstanden sind. Die Menschen wurden somit nicht mehr komplett aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen. Vor der Reform behandelte nicht selten ein Arzt bis zu 60 Patienten parallel; auf unserer Station im Zentrum für Seelische Gesundheit der Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg verfügen wir heute bei 26 Betten über eine Psychologin, zwei Assistenzärztinnen und mich als Oberärztin. Auch die Verweildauer ist stark gesunken und liegt über alle Krankheitsbilder verteilt bei drei bis vier Wochen. All das zeigt, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel verändert hat – bis auf eine Sache. Und das sind die vorgefertigten Bilder in den Köpfen der Gesellschaft.

 

Welchen Vorurteilen und Irrtümern rund um die Psychiatrie begegnen Sie? Und weshalb halten sich manche Klischeebilder so hartnäckig?

Wir erleben es, dass sich Patienten darüber wundern, wie hell und sauber es in unserer Klinik ist. Vielmehr habe man verschlossene Türen erwartet, ein dunkles Loch, das man nie wieder verlassen könne. Das erinnert an Szenen aus dem Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, der die repressive Ordnung in einer fiktiven geschlossenen psychiatrischen Anstalt darstellt. Dieses Werk stammt aber aus dem Jahre 1975! Bis heute erscheinen bei Filmrecherchen mit dem Schlagwort „Psychiatrie“ fast ausschließlich Horrorstreifen. Die Realität jedoch sieht komplett anders aus: Weder tragen wir weiße Kittel, noch gibt es Zwangsjacken oder Gummizellen. Das sind Klischeebilder, die Menschen mit einem psychischen Leiden immer noch davon abhalten, sich zeitnah Hilfe zu suchen. Mit vermeintlichen Psychiatrie-Skandalen lassen sich heutzutage wunderbar Klicks generieren, da sie Vorurteile bedienen. Dabei sind die eigentlichen Skandale doch wohl eher sanierungsbedürftige Gebäude in etlichen Kliniken sowie der Personal- und Fachkräftemangel im psychiatrischen Bereich.      

 

In der TV-Dokumentation „Akutstation Psychiatrie“ erklären Sie: „Wenn ich mit einem Menschen zu tun habe, der einem immer wieder sagt »Ich halte es nicht mehr aus, ich will sterben«, muss ich sicherstellen, dass er diesen gefährlichen Zeitraum überlebt.“ Wie wichtig ist es, sich diese große Verantwortung immer wieder vor Augen zu führen?

Unser Geheimrezept lautet „Beziehung“. Wenn wir bei uns auf Station einen Menschen haben, der sagt: „Es hält mich nichts mehr im Leben“, versuchen wir in einem ersten Schritt, so wichtig und relevant für diesen Menschen zu werden, dass dieser erstmal aufgrund des Versprechens, das er uns gibt, am Leben bleibt. Wir schließen einen Anti-Suizid-Vertrag: „So lange Sie hier bei uns in der Klinik sind, können wir uns darauf verlassen, dass Sie am Leben bleiben.“ Da haben beide Seiten Verpflichtungen: Der Patient muss sich bei uns melden, wenn die Suizidgedanken zu drängend werden. Und wir sind im Gegenzug für ihn da, wenn er uns braucht. Das sicherzustellen, ist 24/7 unser Job. Und diese große Verantwortung tragen wir auf unserer psychiatrischen Akutstation immer gemeinsam im Team.    

 

Ein Heilungserfolg hängt also stark von der aktiven Mitarbeit des Patienten ab: Können Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen dies erschweren?

Wie für alle Erkrankungen gilt auch hier: Es gibt kein Gesetz, das jemanden zwingt, sich behandeln zu lassen. In Deutschland leben beispielsweise viele Menschen mit einem unbehandelten Bluthochdruck oder Diabetes. Im Falle eines psychischen Leidens besteht beim Betroffenen entweder ein Veränderungswunsch – oder eben nicht. Wobei natürlich die Erkrankung selbst einen erheblichen Einfluss auf die momentane Veränderungsfähigkeit der Patienten haben kann. Liegt eine Motivation vor, können wir als die entsprechenden Profis festlegen, welche Medikation oder Form von Psychotherapie sinnvoll sein kann. Lehnt ein Patient dies ab, ist das sein Recht. Und in dieses Recht lässt sich nur dann eingreifen, wenn sich Gefährdungsaspekte ergeben. Im Idealfall ist es so, dass wir ein Behandlungsbündnis eingehen und gemeinsam am gleichen Ziel arbeiten. Andernfalls entwickelt sich ein kräftezehrendes, meist wirkungsloses Tauziehen. Nicht selten erleben wir es jedoch, dass ein Patient, der gegen seinen Willen zu uns gebracht wird, nach wenigen Tagen sagt: „Ich habe verstanden: Ihr wollt mir nicht nur helfen, ihr könnt es auch.“

 

Akutstation Psychiatrie: KOMPLETTE 1. FOLGE | ARD Doku-Serie über Psychiatrie-Alltag

 

Wie steht es um dieses Teamwork, wenn sich ein Patient in einem psychischen Ausnahmezustand befindet und möglicherweise aggressiv verhält? Wie gefährlich kann Ihr Beruf mitunter sein?    

Die Hauptgefahr bei psychischen Erkrankungen besteht eher für die Betroffenen selbst: Die Rate an Suiziden liegt bei diesen Menschen merklich höher als die Rate derer, die tatsächlich fremdaggressiv reagieren. Es gibt allerdings Krankheitsbilder, die mit einem statistisch deutlich erhöhten Risiko für Aggressivität und Gewalt einhergehen. In der Klinik verfügen wir natürlich über gewisse Sicherheitssysteme: Unsere Mitarbeiter sind allesamt in Techniken des Deeskalations- und Aggressionsmanagements geschult und tragen einen Notfall-Pager bei sich, der geortet werden kann. Gefahr geht jedoch manchmal eher von Personen aus, bei denen man es am wenigsten erwartet – Patienten mit einer fortgeschrittenen Demenz etwa, die beim Waschen nach pflegerischen Mitarbeitern schlagen, da sie mit der Situation überfordert sind. Ich würde aber nicht behaupten, dass ich einen gefährlichen Beruf ausübe.

 

„Akutstation Psychiatrie“ verdeutlicht sehr gut, wie umfangreich das Feld psychischer Erkrankungen ist: Wie bewerten Sie diesbezüglich die gesellschaftliche Aufklärung?

Bei manchen Krankheitsbildern ist mittlerweile eine Entstigmatisierung festzustellen, da leisten Betroffene und auch Prominente in der Öffentlichkeit einen wichtigen Beitrag. Depressionen und Angststörungen sind heutzutage kommunizierbar. Anderen Krankheiten hingegen haften weiterhin viele Vorurteile an. Die Schizophrenie ist beispielsweise häufig noch mit einem diskriminierenden Sprachgebrauch verbunden: Erachtet jemand etwas als „nicht logisch“ oder „widersinnig“, bezeichnet er das als „schizophren“. Auch Suchterkrankungen sind noch nicht entstigmatisiert – da herrscht in der Gesellschaft weiterhin das Vorurteil, dass die Betroffenen eben charakterschwach sind. Hinzu kommen Erkrankungen mit einem eingeschränkten Hilfesuchverhalten. Leiden, bei denen die Personen nicht registrieren, dass sie krank sind. Das gilt zum Beispiel für Psychosen, Manien oder Demenzen. Es gibt aber auch sehr oft den umgekehrten Fall.

 

Nämlich?

Hilfesuchende Menschen, denen von Fachseite erklärt werden muss, dass bei ihnen gar keine Erkrankung vorliegt. Auf Social Media-Kanälen beobachten wir den besorgniserregenden Trend, dass man nur „mitreden“ kann, wenn man zwei bis drei psychiatrische Diagnosen hat. Es passiert tatsächlich vermehrt, dass junge Menschen unsere Klinik aufsuchen und bereits dank Google, TikTok oder Instagram einen „Befund“ mitbringen, den sie von uns lediglich bestätigt bekommen möchten. Meist handelt es sich dabei um Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörungen oder ADHS. Es entsteht das Gefühl, dass solche „Diagnosen“ für viele Menschen in diesem Alter identitätsstiftend sind. Können wir sie dann in ihrer Vermutung nicht bestätigen, sind sie oft völlig verunsichert, teils stinksauer. Als Psychiaterin in einer Akutpsychiatrie versorge ich schon seit Jahrzehnten schwerstkranke Patienten, da geht es auch um eine gerechte Ressourcenverteilung. Deshalb muss ich eine Grenze ziehen – zwischen behandlungsbedürftig und nicht behandlungsbedürftig. 

 

Viele der behandlungsbedürftigen Patienten suchen das Zentrum für Seelische Gesundheit freiwillig auf – und können die Psychiatrie demnach auch auf eigene Verantwortung wieder verlassen. Gibt es Situationen, in denen Ihnen eine selbstständige Entlassung zurück in den Alltag „Bauchschmerzen“ bereitet?

Bei Patienten, die uns ohne Krankheits- und Behandlungseinsicht verlassen, sorge ich mich durchaus um deren Zukunft. Je länger zum Beispiel eine Psychose unbehandelt bleibt, desto schlechter die Prognose über einen langen Zeitraum. Wir sehen mitunter Menschen, die im Rahmen einer unbehandelten psychischen Erkrankung einen massiven sozialen Niedergang erlebt haben. Die wohnten zu Beginn noch zu Hause, gingen ihrer Arbeit nach und verfügten über ein intaktes Umfeld. Im weiteren Verlauf jedoch zogen sie sich zusehends zurück, Freunde und Familie wendeten sich ab, der Job ging verloren und Behördengänge wurden ignoriert. Nach all diesen Erlebnissen kommen sie zu uns auf die Akutstation, ohne festen Wohnsitz, in einer Obdachlosenunterkunft lebend. Da wäre ein anderer Weg möglich gewesen.

 

Auf der anderen Seite gibt es den sogenannten „Drehtüreffekt“ …

… der das Phänomen beschreibt, dass Personen kurz nach ihrer Entlassung aus einer stationären Behandlung bald wieder aufgenommen werden müssen. Diesen Effekt sehe ich aber als gar nicht so problematisch an: Jeder Patient, der wiederkommt, nimmt die Chance wahr, einen neuen Versuch zu starten.    

 

In Ihrer nun 26-jährigen Berufslaufbahn dürften Sie unzählige Charaktere und Biografien kennengelernt haben: In welcher Weise hat diese Zeit Ihr Menschenbild beeinflusst?

Ich habe ganz oft mit Menschen zu tun, denen es auf sehr vielen Ebenen unendlich viel schlechter geht als mir. Menschen, die nicht in einem der reichsten Länder der Welt geboren worden sind. Die nicht geliebt aufwachsen durften. Über die Jahre meiner Tätigkeit ist der Respekt für meine Patienten daher stetig gewachsen. In meinem Leben gab es immer wieder Momente, in denen ich dachte: „Hoffentlich werde ich mit solch einer Zuversicht und solch einem Beharrungsvermögen reagieren, wie ich es bei meinen Klienten erlebe.“ Ich weiß nicht, ob ich dort angekommen wäre, wo ich heute bin, wenn ich die Kindheit gehabt hätte, die viele meiner Patienten hatten. Wenn ich Flucht- und Vertreibungserfahrungen gemacht hätte. In meinem Beruf erlebe ich Tag für Tag ganz viel Stärke, Lebensmut sowie die Fähigkeit, Vertrauen zu schenken. Das sind die Geschichten, die ich mit nach Hause nehme, die mich immer wieder beeindrucken: Geschichten von Menschen, die es trotz ihrer schwierigen Vergangenheit schaffen, sich nicht aufzugeben.

psychiatrie-umstadt.de

 

Barbara Jost: „Ich gehöre in die Klapse – Traumjob Psychiaterin”

Kaum ein medizinischer Bereich ist so gefürchtet, missverstanden und zugleich so nah am Leben wie die Psychiatrie – und doch bleibt ihr Inneres meist hinter verschlossenen Türen. Die Psychiaterin und leitende Oberärztin Barbara Jost öffnet diese und zeigt eine Welt, die menschlicher, widersprüchlicher und berührender ist, als Klischees es vermuten lassen. Mit empathischem Blick, leiser Ironie und feinem Gespür für die menschliche Seite jedes Schicksals räumt sie mit Mythen über Zwangsjacken, Medikamentenwahn, Willkür und „unheilbare Fälle“ auf und schildert, warum Menschen wirklich in Krisen geraten und wie sie wieder aufgefangen werden. Ein Buch, das Angst in Verständnis verwandelt, Vorurteile entkräftet und zutiefst berührt. Bekannt wurde Barbara Jost durch die ARD-Doku-Serie „Akutstation Psychiatrie“, die sie bei der täglichen Arbeit begleitete und tiefe unverstellte Einblicke lieferte.

„Ich gehöre in die Klapse – Traumjob Psychiaterin” erscheint am 18.11.2026 im Gräfe und Unzer Verlag (256 Seiten, 18,00 €)

 

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