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Schritte aus der Isolation

Schritte aus der Isolation

Foto: Pexels
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min. Lesezeit

Wenn schon der Gedanke an eine größere Menschenansammlung in Angst und Panik gipfelt, die ständige Sorge vor der Beurteilung durch andere besteht oder der Körper bei sozialer Interaktion mit starken Stresssymptomen reagiert, besteht die Möglichkeit, dass eine Soziale Phobie vorliegt. Bei dieser Erkrankung leiden Betroffene unter der teils irrationalen Furcht, sich zu blamieren oder im Mittelpunkt zu stehen. Die Folge: Sie ziehen sich zurück und vermeiden angstauslösende Situationen. Hilfreich sind hier Therapie, Konfrontation und vielleicht schon bald Virtual Reality.        

Der Smalltalk mit dem Nachbarn im Treppenhaus, die telefonische Beschwerde beim Kundenservice, eine Präsentation vor den Arbeitskollegen: Unsicherheiten, Nervosität oder Lampenfieber sind in solchen Situationen völlig normal. Wann immer Menschen miteinander ins Gespräch kommen, spielen soziale Kompetenzen, bestimmte Kommunikationsregeln und Faktoren wie Auftreten und Körpersprache eine Rolle. Wer dabei eine gewisse Schüchternheit an den Tag legt, kennt körperliche Reaktionen wie Erröten, Herzrasen oder eine beschleunigte Atmung. Personen mit dieser Charaktereigenschaft benötigen somit etwas länger, um in Situationen sozialer Interaktion „aufzutauen“ – ihre gemäßigte Zurückhaltung schränkt sie aber weder im Alltag, noch in der Lebensplanung ein.

Anders verhält es sich beim Krankheitsbild Soziale Phobie: Hier können Angst und Leidensdruck so stark ausgeprägt sein, dass sie zwischenmenschliche Kontakte, den beruflichen Fortschritt und die allgemeine Lebensqualität erheblich einschränken. Den Menschen fällt es dann beispielsweise schwer, zu einer größeren Gruppe dazuzustoßen, in der Öffentlichkeit zu essen oder Gespräche mit Autoritätspersonen zu führen. Andere wiederum haben mit angstbesetzten Situationen im privaten Freundes- oder Beziehungsbereich zu kämpfen. Vom Bundesverband der Selbsthilfe Soziale Phobie (VSSP) e.V. ist zu erfahren: „Im Gegensatz zu Schüchternheit fällt auf, dass Betroffene bisweilen trotz mehrfach gemeisterter Situation und Ausbleiben der befürchteten Abwertung und Peinlichkeit in einer erneuten Situation nur wenig in ihren Befürchtungen nachlassen; die Ängste haben eine hohe Beharrungstendenz.“

Gerade weil sich diese Befürchtungen so konstant halten, verfallen Menschen, die an einer Sozialen Phobie leiden, nicht selten in ein Vermeidungsverhalten, um angstauslösende Situationen und vermeintliche Bewertungen zu umgehen: Sie sagen Verabredungen (kurzfristig) ab, scheuen Beziehungen und ziehen sich immer weiter aus dem öffentlichen Leben zurück. Die Erfahrung, dass befürchtete Situationen nicht eintreten, machen sie somit erst gar nicht. „Betroffene empfinden und befürchten im zwischenmenschlichen Miteinander ausgeprägte und anhaltende Gefühle von Angst, aber auch Scham, Schuld und Wut“, fasst es der VSSP zusammen. „Dieses Erleben ist häufig verbunden mit konkreten Vorstellungen, von anderen als minderwertig, nicht liebenswert, merkwürdig, lächerlich oder leistungsschwach bewertet zu werden.“

 

Gefahr der Chronifizierung

Bei der Entstehung einer Sozialen Phobie spielen meist mehrere Faktoren eine Rolle: Studien zufolge besitzen Verwandte ersten Grades von Betroffenen ein ca. dreifach höheres Risiko, ebenfalls zu erkranken. Oftmals liegt zudem eine Fehlfunktion im Gehirn vor, sodass Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin aus dem Gleichgewicht geraten. Die Amygdala, zuständig für die emotionale Bewertung von Gefahren, reagiert überempfindlich auf entsprechende Reize. Doch auch psychologische Einflüsse, prägende Erlebnisse oder die Erziehung sollten im Falle der Angsterkrankung unter die Lupe genommen werden: Ist ein Mensch überbehütet oder unter starker Kontrolle aufgewachsen, oder hat er übermäßigen Druck und wenig Geduld erfahren, kann sich aus diesen ganz unterschiedlichen Eindrücken später ein allmählicher Rückzug entwickeln. Auch Mobbing, Ausgrenzung oder Bloßstellungen beeinflussen das soziale Erleben und das Selbstwertgefühl nachhaltig.

Die erwähnten Vermeidungsstrategien, die Erkrankte häufig entwickeln, sorgen dafür, dass die Angst aufrechterhalten wird: „Unbehandelt besteht die Tendenz, dass die Soziale Phobie chronisch wird, sich auf weitere Lebensbereiche ausdehnt und zu einem prägenden Faktor der Lebensgestaltung wird“, warnt der Bundesverband der Selbsthilfe Soziale Phobie. „Wie bei den meisten Problemen und Erkrankungen gilt auch hier, dass eine frühe Gegensteuerung sehr viel wirksamer ist, als Therapien und Maßnahmen nach jahrzehntelanger Chronifizierung.“ Noch effizienter als eine rechtzeitige Intervention sei der Gedanke der Vorbeugung.

 

 


Bundesverband der Selbsthilfe Soziale Phobie (VSSP) e.V.

Der VSSP wird getragen von Menschen mit Sozialer Phobie: Er orientiert sich an dem Konzept „von Betroffenen für Betroffene“ – auf Augenhöhe und in Gegenseitigkeit. Ziel des Verbands ist es, die Selbsthilfe bei Sozialer Phobie zu stärken. Der VSSP berät und unterstützt Betroffene und deren Angehörige und stellt Informationsmaterial bereit. Da die Soziale Angststörung in jedem Alter und auch schon in früher Kindheit auftreten kann, orientiert sich das Angebot an den Bedürfnissen der unterschiedlichen Lebensbereiche. Mittels Öffentlichkeitsarbeit setzt sich der Bundesverband der Selbsthilfe Soziale Phobie dafür ein, das Krankheitsbild bekannter zu machen.


 

Realitätsnahe Situationen simulieren

Die klassische Behandlungsmethode bei Ängsten rund um soziale Situationen ist die kognitive Verhaltenstherapie, die bei Bedarf durch Antidepressiva (vor allem aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) ergänzt werden kann. Die Patienten lernen in der Therapie, ihre angstauslösenden Denkmuster zu identifizieren und zu korrigieren. Dazu trägt auch die sukzessive Konfrontation mit angstbesetzten Situationen bei, um auf diese Weise die Furcht vor negativer Bewertung abzubauen.

Neue Wege geht man derweil am Universitätsklinikum Freiburg: An der dortigen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie wird aktuell eine VR-gestützte Behandlung bei Sozialer Phobie erforscht. Im Rahmen einer Studie sollen die Ursachen der Erkrankung intensiv untersucht werden, um die Behandlung weiter zu verbessern. Die teilnehmenden Patienten (im Alter zwischen 18 und 65 Jahren) erhalten eine umfassende Psychotherapie und werden kontrolliert mit angstauslösenden Situationen konfrontiert. Dies geschieht allerdings nicht in der realen Welt: „Die Nutzung der Virtuellen Realität als Therapieplattform bietet neue Hoffnung für Patienten mit Sozialer Phobie und anderen Angsterkrankungen“, sagt Studienleiterin PD Dr. Miriam Schiele, Leitende Psychologin und Leiterin der Spezialambulanz für Angsterkrankungen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. „Die Technologie ermöglicht es uns, realitätsnahe Situationen zu simulieren, die bei den Patienten im Alltag Angst auslösen, wie beispielsweise das Sprechen vor einer Gruppe oder das Betreten einer überfüllten Veranstaltung.“

Durch das wiederholte Konfrontieren mit diesen Situationen in einem sicheren Umfeld soll es den Patienten möglich sein, individuelle Ängste zu überwinden und das Vertrauen in soziale Interaktionen zu verbessern. „Die Wirksamkeit der sogenannten Expositionstherapie, bei der sich Patienten schrittweise ihren Ängsten stellen, ist gut belegt“, weiß Miriam Schiele. „Mit virtueller Realität können wir solche angstauslösenden Situationen sehr kontrolliert und individuell anpassen. So lässt sich genau dosieren, wie intensiv eine Übung ist, und wir können Schritt für Schritt das trainieren, was für eine erfolgreiche Therapie wichtig ist.“

Mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen

Wie wichtig es ist, sich seinen Sorgen und Befürchtungen im Alltag zu stellen, zeigt folgende Entwicklung*: In Deutschland leiden etwa 3 bis 7 % der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer Sozialen Angststörung. Jährlich sind etwa 3 Millionen Erwachsene (ca. 3 bis 4 %) betroffen, wobei Frauen (ca. 4 %) etwas häufiger erkranken als Männer (ca. 2 %). Die Störung gehört damit hierzulande zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Neben dem behutsamen (Wieder-)Erlernen sozialer Kompetenzen ist es daher umso wichtiger, sich mit der eigenen Geschichte und Biografie auseinanderzusetzen. Dies kann zusätzlich zur therapeutischen Behandlung auch in Selbsthilfegruppen gelingen, die Menschen mit Angsterkrankung einen sicheren Rahmen zum Austausch bieten. Der Bundesverband der Selbsthilfe Soziale Phobie hält hierzu ein deutschlandweites Verzeichnis bereit, führt ein Selbsthilfe-Forum und regt mit verschiedenen Infomaterialien zur Diskussion an. Welches Hilfsangebot Menschen mit dieser Angsterkrankung auch wahrnehmen: Schaffen sie es, in kleinen Schritten aus der Isolation herauszutreten und ihre Vermeidungsstrategien eines Tages abzulegen, gewinnen sie ein großes Stück Lebensqualität zurück.

vssp.de

 


*Basisdaten Psychische Erkrankungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (Stand: Februar 2025)

 

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