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Todesängste aus dem Nichts

Todesängste aus dem Nichts

Foto: terovesalainen - stock.adobe.com
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min. Lesezeit

Ein plötzliches Gefühl absoluter Hilflosigkeit, gepaart mit starken physischen Reaktionen und intensivem Stress: Bei einer Panikattacke wechselt der Körper von jetzt auf gleich in den Fluchtmodus. Durch massive Adrenalin-Ausschüttungen entsteht so eine Welle der Angst, die bei Betroffenen bis zur Todesfurcht führen kann. Unbehandelte Attacken ebnen häufig den Weg für Chronifizierungen und die Entwicklung einer dauerhaften Panikstörung. Für Erkrankte, die sich Außenstehenden nur schwer erklären können und deren Lebensqualität stark eingeschränkt ist, hält die Deutsche Angst-Hilfe e.V. verschiedene Angebote zur Selbsthilfe bereit.

Alltagssituationen, in denen das Herz plötzlich schneller schlägt, die Atmung flacher wird oder der Schweiß ausbricht, hat jeder schon einmal erlebt: Gefühle der Anspannung und Unruhe treten zum Beispiel im Zuge einer Prüfung, in beengten Räumen oder inmitten großer Menschenmengen auf. In solchen Stresssituationen sind die individuellen Empfindungen mit einer klaren Ursache verbunden – anders verhält es sich jedoch bei einer Panikattacke, die durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren entstehen kann. Betroffene berichten unter anderem von Herzrasen, Schwindel und Übelkeit, einem Gefühl der Atemnot sowie der Sorge vor dem Ersticken. Die plötzlich auftretenden, intensiven Anfälle erreichen meist nach wenigen Minuten ihren Höhepunkt.

„Eine Panikattacke ist Angst in ihrer wohl stärksten Ausprägung“, weiß man bei der Deutschen Angst-Hilfe (DASH), die sich dafür einsetzt, dass Menschen mit entsprechenden Störungen dennoch ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben führen können. Irene Bruns, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins, erklärt: „Angst ist in erster Linie eine wichtige Emotion, die unseren Körper vor Bedrohungen und Risiken schützt. Panikattacken treten allerdings auch dann auf, wenn keinerlei Gefahr im Verzug ist. Die Menschen können dann oftmals nicht zuordnen, woher ihre starken Emotionen rühren.“ Tatsächlich erlebt jeder siebte bis zehnte Mensch einmal im Leben eine solche Attacke; treten die damit verbundenen Symptome  jedoch gehäuft auf, ist von einer Erkrankung bzw. Panikstörung auszugehen.

 

Alarmreaktion ohne Anlass

Im Falle einer spezifischen Phobie – etwa der Angst vor Spinnen, Spritzen oder dem Fliegen – sind die konkreten Auslöser bekannt. Die Attacken einer Panikstörung hingegen treten spontan auf, auch ohne reale Bedrohung, und erwecken den Anschein, der eigene Körper würde seine Arbeit einstellen. „Das kann jederzeit und in ganz unterschiedlichen Situationen des Alltags passieren“, weiß Irene Bruns. „Um dies zu umgehen, versuchen nicht wenige, diese Ereignisse vorauszuahnen. Dabei fokussieren sie sich auf Situationen, in denen sie bereits eine Panikattacke erlebt haben.“ Viele Patienten würden diese Angst vor der Angst wie die Sorge vor einem Herzinfarkt erleben. Eine exzessive Panik also, die mit Todesfurcht einhergehen kann und aufgrund ihrer Unkontrollierbarkeit für Betroffene und Außenstehende gleichermaßen irrational erscheint. Der Umstand, dass die Gründe für eine solche Störung bislang nicht gänzlich geklärt werden konnten – Befunde lassen vermuten, dass der Hirnstamm ohne Anlass eine Alarmreaktion auslöst – verstärkt dabei den Leidensdruck. Als psychologische Erklärung führt die Deutsche Angst-Hilfe hier vor allem den Teufelskreis der Angst an: Wenn harmlose körperliche Veränderungen fälschlicherweise als lebensbedrohlich bewertet werden, schaukelt sich die Angst ganz automatisch immer weiter hoch.

 

 


Erfahrungen austauschen und voneinander lernen

Ziel der Deutschen Angst-Hilfe e.V. ist es, ein umfangreiches Netzwerk an Selbsthilfegruppen und Unterstützungsmöglichkeiten aufzubauen, das für möglichst viele Menschen zugänglich ist. Als erste Anlaufstelle für Menschen mit Angsterkrankungen möchte der gemeinnützige Verein sicherstellen, dass Betroffene die notwendige Hilfe und Informationen erhalten. Durch kontinuierliche Aufklärung sowie innovative Programme und Angebote wird so eine Kultur des Verständnisses und der Akzeptanz gefördert. Die Deutsche Angst-Hilfe organisiert regelmäßige Online-Selbsthilfegruppen, in denen Betroffene ihre Erfahrungen austauschen und voneinander lernen können. Die Aufklärungsarbeit umfasst Informationsveranstaltungen, Workshops und Publikationen, die das Wissen über Angststörungen in der Gesellschaft verbreiten. Eine individuelle Peer-to-Peer Beratung und praktische Hilfen sollen Betroffene im Umgang mit ihren Ängsten unterstützen. 


 

Durch Vermeidung droht Chronifizierung

Eine Panikstörung ist meist von emotionalen Aufs und Abs gekennzeichnet, ähnlich einer Achterbahnfahrt: Wie hilfreich ist es da, die eigenen Gefühle und Gedanken fortwährend zu überprüfen? „Das ist tatsächlich die Krux an der Problematik“, betont Irene Bruns von der DASH. „Durch eine permanente Selbstbeobachtung und Bewertung befeuern die Erkrankten meist ihre Angst vor der Angst und entwickeln bereits aufgrund kleinster Merkmale die Sorge, einer panikauslösenden Situation ausgeliefert zu sein.“

Eine typische Reaktion ist dann beispielsweise der Versuch, sich eben solchen Erlebnissen künftig im Alltag zu entziehen, um so eine (zumindest kurzfristige) Erleichterung zu erfahren. Werden bestimmte Orte, Straßen, Verkehrsmittel oder Personen allerdings dauerhaft gemieden, droht erst recht eine Chronifizierung. Irene Bruns: „Diese Strategie verhindert letztlich die Erfahrung, dass Panik von alleine abklingt und kann dazu führen, dass Folgeerkrankungen wie Depressionen oder Soziale Phobien entstehen. Wer seine Angstzustände zudem mit Alkohol oder anderen Drogen bekämpft, riskiert darüberhinaus eine Suchterkrankung.“             

 

Gemeinsam ins Gespräch kommen

Erfahrungsaustausch und Eigeninitiative sorgen im besten Falle dafür, dass eine Störung das Leben Betroffener nicht weiter einschränkt. Die Deutsche Angst-Hilfe hält hierzu verschiedene Angebote bereit und legt dabei den Fokus auf Selbsthilfe, Peer-Beratung und Aufklärung. Eine Form dieser gegenseitigen Unterstützung trägt den Namen „Walk & Talk“ und lädt Menschen mit Angsterkrankung dazu ein, im Rahmen eines Spaziergangs ins Gespräch zu kommen. „Die eigenen vier Wände verlassen, draußen an der frischen Luft sein, gemeinsam vorankommen – all das sind ja Dinge, die sich positiv auf die Psyche auswirken“, fasst Irene Bruns zusammen. „Das Format ist daher ein idealer Mix aus Begegnungen, in Bewegung sein und der Gewissheit, auf Menschen mit ähnlichen Hintergründen zu treffen. Der erste Austausch fällt beim Spazieren oftmals leichter.“ Die regelmäßigen „Walk & Talk“-Termine werden in verschiedenen Städten angeboten, finden in kleinen Gruppen statt und stellen kein Therapieprogramm dar. Vielmehr handelt es sich dabei um ein Angebot auf Augenhöhe, kostenlos und ohne Leistungsdruck.

Auch im Rahmen von Selbsthilfegruppen machen Menschen mit einer Angst- oder Panikstörung die Erfahrung, dass sie mit ihren Problemen und Sorgen nicht allein sind. Die Gruppen bieten die Chance, Erlebnisse zu teilen und neue Perspektiven kennenzulernen; per Online-Suche und mithilfe einer virtuellen Karte vermittelt die Deutsche Angst-Hilfe Interessierten passende Angebote in ihrer Nähe. Organisatoren von Selbsthilfegruppen besitzen gleichzeitig die Möglichkeit, ihre Termine und Kontaktdaten für eine bessere Sichtbarkeit in die Gruppensuche einzutragen. „Darüberhinaus bieten wir auch ein Angst-Telefon an“, berichtet Irene Bruns. Das vertrauliche Gesprächsformat richtet sich an all jene, die sich in einem geschützten Rahmen die Angst von der Seele reden möchten. „Das sind vielleicht Personen, die aufgrund ihrer Erkrankung die Wohnung nicht verlassen können oder möchten“, so die Geschäftsführerin der Deutschen Angst-Hilfe weiter. „Selbsthilfe ist leider nicht für sämtliche Fälle der Königsweg. Da muss jeder für sich schauen, welche Unterstützungsform guttut und Erleichterung verschafft.“      

 

„Angehörige sind immer mit belastet“

Support suchen, mit Vertrauenspersonen sprechen, Hilfe annehmen – all das kann dazu beitragen, dass der Umgang mit der Krankheit Schritt für Schritt besser gelingt. Nicht zu vergessen ist dabei immer auch die Rolle der Angehörigen, für die es eine große Herausforderung darstellt, einen geliebten Menschen mit Angst- oder Panikstörung zu begleiten. Da geht es darum, Sicherheit zu vermitteln, den Betroffenen zu ermutigen und dafür zu sorgen, dass Vermeidungsstrategien nicht überhandnehmen. Auch diesem Personenkreis steht die Deutsche Angst-Hilfe zur Seite, unter anderem mit dem Projekt „Eltern im Austausch“. Denn wenn das eigene Kind in der Schule, in sozialen Situationen oder auch zu Hause von Ängsten geplagt ist, ergeben sich viele Fragen. „Angehörige sind in solchen Situationen immer mit belastet“, verdeutlicht Irene Bruns, die auf eine gewisse Hilflosigkeit verweist: „Gerade Eltern, die ja Verantwortung für ihre Kinder tragen und ihnen gute Entwicklungsmöglichkeiten bieten möchten, stehen da vor einer besonderen Herausforderung.“ Bei den Online-Treffen von „Eltern im Austausch“ können die Teilnehmenden im Zwei-Wochen-Rhythmus über die eigenen Probleme sprechen, Erfahrungen austauschen und vor allem neue Kraft schöpfen.

Ein wertvoller Rat zur Selbsthilfe und Weiterentwicklung bei einer Panikstörung lautet: „Versuche Deine Angst nicht als Feind zu begreifen.“ Ist es im Umkehrschluss demnach möglich, in ihr eine Art Begleiter auf Zeit zu sehen? Aus kritischen Situationen eines Tages Resilienz und Stärke zu entwickeln? Und aus Vermeidung vielleicht sogar Neugier? „Menschen, die einen guten Umgang mit ihrer Erkrankung gefunden haben oder auf eine erfolgreiche Therapie zurückblicken, schildern uns durchaus, dass sie seitdem mehr auf sich achten“, freut sich Irene Bruns. „Sie haben wieder zu sich selbst gefunden und schaffen es, im Alltag auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu hören.“ Wer sich also vergegenwärtigt, dass ein Zustand der Panik nicht lange andauert und schon bald wieder vorüberzieht, gewinnt aus dieser Erkenntnis neues Selbstvertrauen – ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben, in dem die Angst nicht mehr die Kontrolle hat.

angstselbsthilfe.de

 

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