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Ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis

Ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis

Foto: © Fabián Montaño - stock.adobe.com
Portratitfoto des Artikel-Autors Robert Targan
Von ROBERT TARGAN (Freier Texter, Autor & Redakteur)
5 Min.Lesezeit

Es sind markante Symptome, mit denen weibliche Betroffene im Zuge des Polyzystischen Ovarialsyndroms (PCOS) zu kämpfen haben: Neben Zyklusstörungen, hartnäckigem Übergewicht, Akne und Haarausfall ist es auch der unerfüllte Kinderwunsch, der bei vielen Frauen ebenso für eine psychische Belastung sorgt. Zwar ist die Erkrankung nicht heilbar, doch lässt sie sich gut therapieren. Ein wichtiger Faktor ist dabei auch die Ernährung. 

Bis zu 15 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter sind in Deutschland vom sogenannten Polyzystischen Ovarialsyndrom betroffen – bei dieser Hormonerkrankung zeigt sich in der Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke in über 70 Prozent der Fälle eine perlschnurartige Anreihung der Eibläschen. Diese kleinen, unzähligen und gutartigen Follikel werden fälschlicherweise auch als Zysten bezeichnet. Doch ist es ein Testosteron-Überschuss, der in diesem Fall die Entwicklung der Eibläschen stört. Hinzu kommt, dass eben diese Überproduktion an männlichen Hormonen bei vielen Betroffenen eine verstärkte Körperbehaarung an unliebsamen Stellen sowie eine Vermännlichung der Statur bewirkt. In Kombination mit der Unfruchtbarkeit zeigen die genannten körperlichen Beschwerden somit auch Auswirkungen auf der psychosozialen Ebene der Patientinnen. Obwohl es sich beim PCO-Syndrom um die häufigste endokrinologische Erkrankung von Frauen im empfangsbereiten Alter handelt, ist diese nur unzureichend erforscht: Wie die komplexe Störung entsteht, ist bislang unklar.

Gesichert ist allerdings, dass die Gene eine entscheidende Rolle spielen. Ist eine Frau vom Polyzystischen Ovarialsyndrom betroffen, war es die Mutter häufig auch. Ebenso kann eine frühzeitige Glatzenbildung beim Vater ein Hinweis sein. Eine weitere Ursache zeigt sich in der Tatsache, dass drei von vier Betroffenen übergewichtig sind und dabei auch trotz aller Anstrengung kaum Abnehmerfolge erzielen. Hier macht sich der enge Zusammenhang zwischen PCOS und Typ-2-Diabetes bemerkbar: Nicht wenige Frauen, die eine entsprechende Diagnose erhalten haben, leiden zugleich an einer Insulinresistenz – auch die normalgewichtigen. Während die Zellen nicht mehr auf das hormonelle Signal des Insulins reagieren, den Zucker aus dem Blut aufzunehmen, steigt der Blutzuckerspiegel. „Die reduzierte Empfindlichkeit der Körperzellen, auf Insulin zu reagieren, führt zu einem Überschuss an Insulin im Blut“, erklärt Privat-Dozentin Dr. med. Susanne Reger-Tan, Leiterin des Diabeteszentrums Diabetologikum DDG der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel an der Universitätsklinik Essen. Dieser Überschuss stimuliere die weitere Gewichtszunahme und verstärke den Überschuss männlicher Hormone. „Damit beginnt ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis aus Insulinresistenz, Gewichtszunahme, noch mehr männlichen Hormonen und weiterer Abstumpfung der Körperzellen gegenüber Insulin”, so Reger-Tan weiter. Metabolische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes in bereits jungen Jahren sowie Schwangerschaftsdiabetes seien mögliche Folgen.

Vermeidung von Komplikationen wie Diabetes

Die vielfältigen Symptome der hormonellen Erkrankung zeigen – nicht zuletzt aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausprägung – dass bei der Therapie individuelle Wege einzuschlagen sind. Neben der Untersuchung der Eierstöcke im Ultraschall blickt der Gynäkologe auf die Krankheitsgeschichte der Patientin und beurteilt im Rahmen eines körperlichen Check-ups Haut und Körperbehaarung. Umfangreiche Blutuntersuchungen sollen zudem den Hormonstatus feststellen und Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse sowie der Nebenniere ausschließen. Auch empfiehlt sich eine Begutachtung der Schilddrüsenhormone, da eine Erkrankung an PCOS häufig mit der Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis einhergeht. „Die optimale Behandlungsstrategie orientiert sich an den vorliegenden Symptomen und an dem individuellen Leidensdruck der betroffenen Frau”, fasst Susanne Reger-Tan zusammen. Dazu zähle laut der Endokrinologin, Diabetologin und Ernährungsmedizinerin eben auch die konsequente Abklärung, Überwachung und gegebenenfalls Therapie möglicher Stoffwechsel-Erkrankungen: „In jedem Fall sollte die Behandlung auch Konzepte zur Vermeidung von langfristigen Komplikationen wie Diabetes beinhalten.”

Heilbar ist die Erkrankung am PCO-Syndrom zwar nicht, doch die Begleiterscheinungen lassen sich abmildern. Eine deutliche Verbesserung kann bereits durch Gewichtsabnahme eintreten. Wer also die Ernährungsgewohnheiten umstellt und seinen Lebensstil ändert, hilft dem gestörten Hormonhaushalt bei dessen Regulierung. Viel Gemüse, Vollkornprodukte und sättigendes Eiweiß statt Weißmehlprodukte und Süßigkeiten: Nimmt das hormonproduzierende Bauchfett ab, können die Zellen besser auf Insulin reagieren. Und wenn der Blutzuckerspiegel sinkt, nimmt auch die Produktion männlicher Hormone ab. Sollte der Arzt eine Insulinresistenz feststellen, lässt sich die Ernährungstherapie durch orale Diabetes-Medikamente ergänzen. Im Falle eines unerfüllten Kinderwunschs kommen zudem Medikamente infrage, die die Eierstöcke stimulieren und den Eisprung fördern.

Wichtige Differentialdiagnose zum PCO-System

Ein unregelmäßiger Zyklus, verstärkter Haarwuchs, Akne und Unfruchtbarkeit – solcherlei Beschwerden können bei Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter auch Symptome für eine Form des sogenannten Adrenogenitalen Syndroms (AGS), namentlich late-onset AGS, sein. Dabei handelt es sich um eine angeborene Funktionsstörung der Nebennieren, bei der die Drüsen zu viele männliche Hormone produzieren. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie e. V. (DGE) betont, dass das AGS die wichtigste Differentialdiagnose zum PCO-System darstellt, auch wenn es nicht so häufig auftritt. Professor Dr. med. Nicole Reisch, Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologin und Diabetologin sowie Vizepräsidentin der DGE, stellt mit Blick auf das Adrenogenitale Syndrom heraus: „Die zwei wichtigsten Formen unterteilen sich grob in die bereits zur Geburt auftretende klassische, schwere Form und in die sehr viel häufigere und mildere, nicht-klassische Variante, das late-onset AGS.“ In über 90 Prozent der Fälle sei laut der Expertin der Mangel eines Enzyms der Nebenniere, nämlich 21-Hydroxylase, die Ursache. Dieses Enzym bildet Cortisol. Die Unterversorgung betrifft laut DGE etwa eines von 10.000 bis 15.000 Neugeborenen hierzulande.


Da eine schwere Form des AGS unerkannt und nicht therapiert in den ersten Lebenswochen tödlich verläuft, wird in Deutschland jedes Neugeborene auf die Erkrankung hin untersucht. „Bei zeitnahem Beginn der lebensnotwendigen Hormonersatztherapie überleben inzwischen praktisch alle Babys“, weiß Reisch, die die Transitionssprechstunde der Medizinischen Klinik und Poliklinik IV der LMU Ludwig-Maximilians-Universität München leitet. Laut der Medizinerin leide etwa eine von 200 bis 1.000 Frauen an late-onset AGS, erste Symptome würden typischerweise ab der Pubertät auftreten. Wie auch beim PCO-Syndrom orientiert sich die Therapie an den individuellen Beschwerden der Patientinnen. Im Falle einer unregelmäßigen Regelblutung oder eines unerfüllten Kinderwunschs können beispielsweise Kortisonpräparate zum Einsatz kommen. Stellt eine verstärkte Behaarung vom männlichen Verteilungsmuster das Hauptproblem dar, sind Therapieversuche mit bestimmten Antibabypillen oder hormonhaltigen Hautcremes angezeigt: „Insgesamt können wir heute alle Formen des AGS gut behandeln. Wichtig ist eine rechtzeitige Abklärung durch Endokrinologinnen und Endokrinologen und eine individuell abgestimmte Behandlung“, so Nicole Reisch.

 


Quellen: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie e. V. (DGE)

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